Hamburg. Hüpfen, Formen nachzeichnen, Zahlen benennen – was für Kinder wie ein spielerischer Termin wirkt, ist für den öffentlichen Gesundheitsdienst ein zentrales Instrument. Die Schuleingangsuntersuchung (SEU) ist in Deutschland verpflichtend und die einzige flächendeckende Untersuchung im frühen Kindesalter. Sie entscheidet mit darüber, ob ein Kind gut in die Schule starten kann und liefert gleichzeitig Daten, die für die Gesundheits- und Bildungsplanung von großer Bedeutung sind. Damit diese Daten ihren Zweck erfüllen können, müssen sie vor allem eines sein: vergleichbar. Genau hier setzt das Forschungsprojekt „Nachhaltige Weiterentwicklung von Kompetenzen und Methoden im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung“ (KOMET-SEU) an.
Prof. Dr. Monika Daseking und Dr. Julia Jaščenoka von der Professur für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie arbeiten daran, die Durchführung der Schuleingangsuntersuchung bundesweit stärker zu vereinheitlichen. Ziel ist es, die Anwendung des Sozialpädiatrischen Entwicklungsscreenings (SOPESS) im Praxisalltag verlässlicher und damit vergleichbarer zu machen.

„Die Schuleingangsuntersuchung ist nicht nur für das einzelne Kind relevant, sondern liefert auch wichtige Hinweise für die Planung von Gesundheits- und Unterstützungsangeboten“, ordnet Prof. Dr. Monika Daseking die Bedeutung des Themas ein.
Was bei der Schuleingangsuntersuchung passiert
Die Schuleingangsuntersuchung ist für alle Vorschulkinder verpflichtend. Durchgeführt wird sie in den Gesundheitsämtern durch die Kinder- und Jugendgesundheitsdienste. Dabei geht es nicht um eine Prüfung im schulischen Sinne, sondern um einen altersgerechten, meist spielerischen Blick auf die Entwicklung des Kindes.
Untersucht werden unter anderem Hör- und Sehfähigkeit, körperliche Entwicklung, allgemeine Gesundheit und Impfstatus. Hinzu kommen Aufgaben zur Motorik, zur Sprache und zur Kognition – etwa Nachzeichnen, Hüpfen oder Zahlenverständnis. Ziel ist es, frühzeitig zu erkennen, ob ein Kind vor dem Schulstart noch Unterstützung benötigt, zum Beispiel durch Logopädie, eine Brille oder andere Förderangebote.
Damit ist die Schuleingangsuntersuchung zugleich eine wichtige Schnittstelle zwischen Gesundheit, Bildung und sozialer Teilhabe: Sie hilft Kindern und Familien und zeigt auf Bevölkerungsebene, wo Unterstützungsangebote gebraucht werden.
SOPESS: Ein standardisiertes Verfahren im Praxisalltag
In vielen Bundesländern wird bei der Schuleingangsuntersuchung das Sozialpädiatrische Entwicklungsscreening für Schuleingangsuntersuchungen, kurz SOPESS, eingesetzt. Dabei handelt es sich um ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren, mit dem Entwicklungsbereiche von Kindern systematisch erfasst werden können.
Standardisiert heißt dabei: Durchführung und Bewertung folgen klar definierten Kriterien. Genau das ist die Voraussetzung dafür, dass Ergebnisse vergleichbar bleiben.
„In der Praxis zeigt sich allerdings ein differenzierteres Bild: Untersuchungen stehen häufig unter Zeitdruck, Kinder reagieren unterschiedlich auf die Testsituation, und Fachkräfte müssen im Alltag flexibel entscheiden. Aufgaben werden verkürzt, angepasst oder unterschiedlich erklärt, Bewertungen verändern sich durch Ermessensspielräume – etwa bei der Frage, wann eine Leistung noch als unauffällig gilt. Hinzu kommen Herausforderungen wie Sprachbarrieren, die den Ablauf zusätzlich beeinflussen können. Für die Vergleichbarkeit der Ergebnisse sind genau diese Unterschiede aber entscheidend“, erklärt Dr. Julia Jaščenoka.
Wenn Unterschiede in der Anwendung zu Unterschieden in den Ergebnissen führen
Was zunächst wie kleine Abweichungen im Ablauf wirkt, beeinflusst die Aussagekraft der Ergebnisse deutlich stärker, als es auf den ersten Blick scheint.
Für Kinder und Familien bedeutet das: Förderbedarfe werden in der Praxis teilweise unterschiedlich eingeschätzt, weshalb Kinder nicht immer unter vergleichbaren Bedingungen in die Schule starten.
Gleichzeitig bildet die Schuleingangsuntersuchung eine zentrale Grundlage für die kommunale und regionale Planung. Sie zeigt, wo Therapieangebote ausgebaut, Präventionsmaßnahmen entwickelt oder schulische Unterstützungsstrukturen gestärkt werden sollten.
KOMET-SEU: Wie sich Unterschiede systematisch erfassen lassen
Vor diesem Hintergrund wurde das Projekt Nachhaltige Weiterentwicklung von Kompetenzen und Methoden im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung (KOMET-SEU) ins Leben gerufen. Ziel war es, systematisch zu erfassen, wo und warum Unterschiede in der Anwendung entstehen und wie sich diese reduzieren lassen.
In einer ersten Projektphase wurden Interviews mit 21 Gesundheitsämtern geführt. Sie zeigen, wie eng methodische Fragen mit den konkreten Bedingungen im Arbeitsalltag verknüpft sind und an welchen Stellen Fachkräfte Unterstützung benötigen.
„Unser Ziel war es, die Unterschiede in der Anwendung nicht nur zu beschreiben, sondern ihre Ursachen besser zu verstehen. Daraus sollten konkrete Unterstützungsangebote entstehen, die im Praxisalltag der Gesundheitsämter tatsächlich nutzbar sind“, sagt Prof. Dr. Monika Daseking.
Auf dieser Grundlage entwickelte das Projektteam ein Fortbildungskonzept, das 2023 an 34 Standorten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz erprobt und evaluiert wurde.
Von der Forschung in die Praxis: E-Learning für Gesundheitsämter
Die Ergebnisse fließen nun in ein bundesweit nutzbares E-Learning-Angebot, das gezielt an den Herausforderungen der Praxis ansetzt.
Im Mittelpunkt stehen konkrete Fragen wie:
- Wie werden Aufgaben so instruiert, dass die Testbedingungen vergleichbar bleiben?
- Wie lassen sich Bewertungen nachvollziehbar und einheitlich treffen?
- Und wie können Teams im Arbeitsalltag unterstützt werden, ohne zusätzliche Belastung zu schaffen?
Das E-Learning setzt dabei auf praxisnahe Beispiele, klare Kriterien und strukturierte Leitfäden. Videobeispiele und Checklisten sollen zeigen, wie Testaufgaben einheitlich durchgeführt werden können. Fallbeispiele helfen dabei, Bewertungen besser nachzuvollziehen und Ermessensspielräume zu reduzieren. Ergänzend vermittelt das Angebot Hintergrundwissen zur standardisierten Testdurchführung und zu den Entwicklungsbereichen, die mit SOPESS erfasst werden.
„Die Materialien sollen Fachkräfte dabei unterstützen, SOPESS im Alltag verlässlich und möglichst einheitlich anzuwenden. Dazu gehören sowohl klare Orientierungshilfen für die Durchführung als auch Beispiele für die Bewertung konkreter Testsituationen“, erläutert Dr. Julia Jaščenoka.
Das digitale Format ermöglicht zudem eine flexible Nutzung: Neue Mitarbeitende können systematisch eingearbeitet werden, erfahrene Fachkräfte ihre Praxis reflektieren und Wissen auffrischen. Damit wird das E-Learning nicht nur als einmalige Schulung gedacht, sondern als dauerhaft nutzbares Instrument für Einarbeitung, Weiterbildung und Qualitätssicherung.
Derzeit wird das Angebot gemeinsam mit der Akademie für das Öffentliche Gesundheitswesen weiter professionalisiert. Die Akademie wird das E-Learning künftig hosten und bundesweit den Gesundheitsämtern zur Verfügung stellen.
Ab Herbst 2026 soll das Tool bundesweit verfügbar sein und Schulärztinnen und Schulärzte sowie weitere Fachkräfte in den Kinder- und Jugendgesundheitsdiensten bei der Anwendung von SOPESS unterstützen.
Einheitliche Anwendung als Voraussetzung für verlässliche Ergebnisse
Ein standardisiertes Verfahren allein reicht nicht aus. Entscheidend ist, wie es im Alltag angewendet wird. Genau an dieser Schnittstelle setzt das Projekt Nachhaltige Weiterentwicklung von Kompetenzen und Methoden am Beispiel SOPESS als Teil der Schuleingangsuntersuchung (KOMET-SEU) an.
Das Projekt soll dazu beitragen, dass Schuleingangsuntersuchungen unter vergleichbaren Bedingungen durchgeführt werden können – und dass die daraus gewonnenen Daten belastbar sind. Davon profitieren Kinder und Familien ebenso wie Kommunen, Gesundheitsämter und politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger.
Denn verlässliche Daten sind die Grundlage dafür, Unterstützungsangebote bedarfsgerecht zu planen. Und eine möglichst einheitliche Anwendung der Verfahren trägt dazu bei, Förderbedarfe frühzeitig und nachvollziehbar zu erkennen.
Über KOMET-SEU
KOMET-SEU ist als Konsortialprojekt angelegt und verbindet wissenschaftliche Expertise mit Praxisnähe. Neben der HSU/UniBw H sind die Universitätsmedizin Mainz (Gesamtprojektleitung und Datenanalyse), die Universität Leipzig sowie das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen beteiligt. Gefördert wurde das Hamburger Teilprojekt vom Bundesministerium für Gesundheit mit einer Fördersumme von 175.000 Euro im Rahmen des Förderschwerpunkts zur Stärkung der Zusammenarbeit zwischen öffentlichem Gesundheitsdienst und Public-Health-Forschung.