Eine Nacht mit den Eagles

HSU

2. April 2019

Mittwoch, 22:20 Uhr. Am anderen Ende der Stadt schiebt der Eismeister in der Volksbank-Arena zwei Tore auf die glänzende Eisfläche und befestigt sie in den Bodenhülsen. In zehn Minuten beginnt hier, gleich neben dem Volkspark-Stadion, das Training der HSU Eagles – der Eishockeymannschaft der Helmut-Schmidt-Universität.

Kurz darauf kommen die Spielerinnen und Spieler aus der Umkleide, stellen ihre Trinkflaschen auf die Bande und beginnen sich einzulaufen. „Zwei schnelle Runden!“, kommandiert Oberstabsarzt Sandra Rojak. Die Mikrobiologin vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin leitet das heutige Training. Zum letzten Mal, denn sie wird zur weiteren klinischen Ausbildung versetzt. „Für die Mannschaft ist das kein Problem, es gibt mindestens zwei weitere Spielerinnen und Spieler mit Trainerlizenz im Team“, erläutert sie und trommelt mit dem Schläger laut gegen die Bande – das Zeichen zum Sammeln.

Eishockeyspieler stehen im Kreis um die Trainerin.
Nach jedem Trainingsdurchgang ruft die Trainerin die Mannschaft zur Auswertung zusammen.

23 Spielerinnen und Spieler zählen die HSU Eagles momentan. Sie spielen in der Hamburger Hobby-Liga. Gemischte Teams sind dort zwar möglich, aber lange noch nicht üblich. Auch Trainerin und Co-Trainerin sind weiblich – als einzige in der derzeit neun Mannschaften umfassenden Liga. „Wir sind die Mannschaft mit dem höchsten Frauenanteil“, erklärt Oberfähnrich zur See Kim-Christin Zöllkau. Die BWL-Studentin ist die AG-Leiterin seitens des Sportzentrums der Universität. „Auch hier ist die Bundeswehr wieder Vorreiterin, und darauf sind wir auch ein bisschen stolz,“ sagt Trainerin Rojak. Das Team setzt sich aus studierenden Offizieranwärtern der Universität sowie Offizieren und Feldwebeln anderer Dienststellen – vor allem aus dem Bundeswehrkrankenhaus Hamburg – zusammen. Gelegentlich spielen auch Polizisten oder Feuerwehrleute mit.

Eine Eishockeyspielerin und ein Eishockeyspieler kämpfen um einen Puck.
Vorreiter: Die Eagles sind das Team mit dem höchsten Frauenanteil in der Liga.

Drei Spiele haben die Eagles in dieser Saison gewonnen. „Für uns ist das super, das ist ein Erfolg“, sagt Rojak. „In den anderen Teams spielen viele Russen mit, denen ist Eishockey quasi in die Wiege gelegt worden.“ Zöllkau ergänzt: „Man muss beachten, dass die anderen Teams schon jahrelang miteinander spielen und sich kontinuierlich verbessern, während wir spielerisch auf dem gleichen Stand bleiben, weil jedes Jahr die Erfahrenen gehen und Neue kommen. Wir fangen immer wieder von vorne an.“ Eine Frage der kurzen Regelstudienzeit, die auch andere Sportmannschaften der HSU kennen.

Viele der Spielerinnen und Spieler haben erst während des Studiums die Sportart für sich entdeckt. So wie Leutnant Jessica Ziegler. Sie studiert seit 2016 Bildungs- und Erziehungswissenschaft, hat aber erst vor anderthalb Monaten „mit Schlittschuhlaufen angefangen“, wie sie sagt. Vorher konnte sie nicht mal auf Schlittschuhen stehen. „Jetzt geht’s einigermaßen.“ Spaß, Leidenschaft, Teamgeist – das verbindet sie mit diesem Sport. „Ich hoffe, ich kann das nach dem Abschluss des Studiums fortführen“, sagt die Kasselerin, die vor allem für ostdeutsche Eishockeyclubs schwärmt. „Ich habe mir schon überlegt, mir Inliner zu kaufen, um das Training nach der Saison beim Inlinehockey weiterzuführen, so dass ich auch irgendwo spielen kann, wo es keine Eishalle gibt.“ Ansonsten bliebe noch der zugefrorene Dorfteich.

Dort hat auch Leon Kwiatkowski zum ersten Mal Eishockey gespielt. Auch er gehört zu den jüngsten Teammitgliedern. Er studiert Bildungs- und Erziehungswissenschaft seit 2018. „Mein Großvater hat in der in der 1. Liga der DDR Eishockey gespielt und mir als Kind ein paar Sachen gezeigt“, sagt er. Wenn der Teich in Rostock gerade mal zugefroren war. Eishockey sei eine Mischung aus den besten Sachen aus anderen Sportarten, sagt er. „Schnell wie Basketball, körperlich wie Football – nur auf Eis eben.“ Zusammen mit Dennis Woitanowski, mit dem Kwiatkowski auf einer Wohnebene lebt, trat er gleich nach Studienbeginn den Eagles bei. Auch er studiert Bildungs- und Erziehungswissenschaft. „Wir haben aber auch Spieler aus den anderen Fakultäten“, betont er. „Aber die Klausurenphasen sieht man schon an der Trainingsbeteiligung. Wir haben ja wirklich späte Trainingszeiten – 22:30 Uhr, meistens ist man dann vor 2 Uhr nicht im Bett. Auch er war Anfänger. Ist allerdings als 14-Jähriger sehr viel auf der Eisbahn gelaufen. Er ist in Harsefeld aufgewachsen, wo es seit 1979 eine Eissporthalle gibt. „Ich hab das Eislaufen nie verlernt, so dass ich mir hier nur das Puck-Handling aneignen musste“, sagt Woitanowski. Man merke bei Eishockey, dass man hier über Technik und Erfahrung mehr gutmachen kann, als in anderen Sportarten.

Obwohl es die AG seit zwölf Jahren gibt, ist sie in der Universität quasi unsichtbar. Was vor allem an den nächtlichen Trainingszeiten und den entfernten Trainings- und Spielorten liegt.

Als Student hat Normen von Oesen die Eishockey-AG mitgegründet. Das war 2007. Nach Ende seiner Dienstzeit als Soldat kam er zurück an die Universität. Jetzt ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Neuere Sozial-, Wirtschafts- und Technikgeschichte. „Seitdem hat die Eishockey-AG sich ganz schön gemacht und ist wirklich sehr professionell geworden im Vergleich zu den Anfängen, wo wir noch gar keine eigene „Eiszeit“ hatten sondern mit den Hamburg Late Knights gemeinsam am Sonntagabend in Farmsen trainiert haben.“

Trainerin Rojak: „Es ist schwer, an Eislaufzeiten zu kommen, und man nimmt einfach alles, was man kriegen kann.“ Zwar gäbe es noch eine Eissporthalle in Farmsen, die deutlich näher an Universität und  Krankenhaus liegt. Dort sei aber das Eis nicht so gut wie hier, in der früheren Trainingshalle der Hamburg Freezers, der 2016 aufgelösten Profi-Mannschaft. „Hier sind die ganzen Umstände schöner und besser“, bekräftigt Rojak. Das Schild mit dem Freezers-Logo hängt noch im Foyer. Das Bundeswehr-Dienstleistungszentrum zahlt die Hallenmiete, die Spielgebühr für die Liga wird vom Sportförderverein unterstützt.

Eishockeyspieler beim Lauftraining.
Beinahe tänzerisch bewegen sich die Spielerinnen und Spieler der Eagles auf den Eis

Die anwesenden Eagles sammeln sich um einen Plan des Spielfeldes. Die Trainerin zeichnet Punkte und Linien und erläutert eine Spieltaktik. Es geht um Quadrate. „Man muss das bei jedem Training wiederholen, sonst wird es gleich wieder vergessen“, erklärt die Oberstabsärztin.

Es folgt die „Fahrschule“: Übungen zur besseren Kontrolle der Schlittschuhe während des Spiels. In engen Schlangenlinien gleiten die Spielerinnen und Spieler über das Eis, den Schläger vor sich herschiebend. Zunächst ohne, dann mit dem Puck.

Die Spielerinnen und Spieler bewegen sich geradezu tänzerisch über das Eis. Die Bewegungen wirken grazil und präzise. Nur einmal fällt ein Spieler im Lauf und schliddert krachend gegen die Bande. Ihm ist nichts passiert, aber man spürt, dass er sich über das Missgeschick ärgert. Anders als bei den Profis kommt es bei den Eagles im Trainingsspiel nicht zu Rempeleien und Bodychecks. Das Spiel wirkt nahezu körperlos. „In der Hamburger Hobby-Liga wird abseits von Vereinsstrukturen gespielt, das wird ohne Banden-Checks gespielt – schließlich muss ja jeder am nächsten Tag arbeiten“, erläutert Norman von Oesen. „Da ist von 18 bis 71 Jahren alles dabei.“ Ab und zu gehe es auch mal härter zur Sache, räumt er ein. Aber nach dem Spiel gebe man sich die Hand und dann sein alles vergessen. Es sei eine sehr faire Liga, in der alle Mannschaften gut miteinander auskommen.

Trainerin Rojak teilt derweil die Spielerinnen und Spieler in zwei Mannschaften. Die Hälfte der Eagles zieht das Trikot auf links. Jetzt steht Spieltraing auf dem Plan. Weiß verteidigt, schwarz greift an, immer vier gegen vier. Danach Wechsel. Co-Trainerin Maike Rose-Janelt steht bei den übrigen Spielern und gibt Tipps und Erläuterungen. Auch die erfahreneren Spieler erklären den jüngeren, worauf es ankommt. Die Atmosphäre wirkt geradezu familiär. Schließlich werden die Trainingseinheiten immer schneller und intensiver. Dieses schnelle Antreten, auch die Kraftausdauer, die man braucht – das mache für ihn Eishockey aus, sagt Dennis Woitanowski. „Man steht im Spiel zwei Minuten auf dem Eis und ist fertig. Zwei Minuten, das reicht.“

Zwei Eishockeyspieler kämpfen um einen Puck.
Zum Ende hin steigert sich die Intensität des Trainings

„Eishockey ist vor allem anderen ein Teamsport“, findet AG-Leiterin Kim-Christin Zöllkau, „noch etwas anders als Freundschaft oder Kameradschaft.“ Auch sie hat erst an der HSU mit dem Sport begonnen. Ein Kamerad auf ihrer Wohnebene nahm sie mit zum Training, sie blieb dabei. Dass sie eine Frau ist, war kein Problem. Jede Saison sei anders, die Trainer wechseln, die Spieler wollen jedes Jahr etwas Neues lernen, die Motivation ist eine andere, sagt sie. „Es macht mehr Spaß mit mehr Leuten, ich hoffe, dass im Oktober viele Studienanfänger zu uns kommen.“ Technisch kein Problem, denn die AG verfügt über elf Leihausrüstungen, so dass sich niemand in hohe Kosten stürzen muss, der diesen Sport nur einmal ausprobieren möchte.

Mannschaftsfoto eines Eishockeyteams
Mannschaftsfoto mit der scheidenden Trainerin

Mitternacht. Die Spieler schieben die Tore vom Oval, der Eismeister startet die Eisbearbeitungsmaschine, um das schartig gewordene Eis wieder zu glätten. Die scheidende Trainerin Rojak spendiert nach ihrem letzten Training eine Kiste Bier für das Team. Sie hofft, dass sie nach Abschluss ihrer klinischen Ausbildung zurück nach Hamburg und zu den HSU Eagles kommen kann. Für die Zukunft des Teams wünscht sie sich, dass vor allem gute Torwarte hinzukommen und weitere Spieler eine Trainerlizenz erwerben. Von Oesen pflichtet ihr bei: „Ich würde mir wünschen, dass alle Spieler, die Leute, die schon erste Fortschritte erzielt haben, die ganzen vier Jahre dabei bleiben. Und wenn sie in der Nähe von Hamburg bleiben, vielleicht auch nach ihrer Universitätszeit die Mannschaft verstärken.“

Text: Dietmar Strey

 

 

 

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