Mehr als 35 Jahre deutsche Einheit: Prof. Dr. Jun Nakata erforscht deutsche Zeitgeschichte an der HSU/UniBw H

HSU

3. Oktober 2026

Hamburg. Auch mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 beschäftigen die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland die Wissenschaft. Wie haben sich Regionen der ehemaligen DDR verändert? Welche Spuren hinterlassen politische Umbrüche über Generationen hinweg? Und warum interessieren diese Fragen Forschende weit über Deutschland hinaus?

Mit diesen Themen beschäftigt sich derzeit Prof. Dr. Jun Nakata, Professor für Europäische Geschichte mit Schwerpunkt Neuzeit an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Ibaraki in Japan. Für seinen Forschungsaufenthalt kehrt er bereits zum dritten Mal an die Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg zurück. Bis März 2027 forscht er am Center for History, Strategy & International Order (CHIOS) unter der Gastgeberprofessur von Prof. Dr. Michael Jonas.

Porträtaufnahme einer Person in formeller Kleidung vor einer Backstein- und Holzfassade auf dem Campus der HSU/UniBw H.
Prof. Dr. Jun Nakata von der Universität Ibaraki forscht derzeit als Gastwissenschaftler an der HSU/UniBw H.

Ein Historiker mit langjähriger Deutschland-Expertise

Dass sich Prof. Nakata heute mit den Folgen der Wiedervereinigung und der deutschen Nachkriegsgeschichte beschäftigt, fügt sich in eine Forschungslaufbahn ein, die seit Jahrzehnten eng mit Deutschland verbunden ist.

Der Historiker studierte an der Pädagogischen Fakultät der Gakugei-Universität Tokio und absolvierte anschließend ein Masterstudium der Europäischen Geschichte an der dortigen Graduate School of Education. Mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) kam er nach Deutschland und promovierte im Jahr 2000 an der Universität Hamburg im Fach Geschichte zum Dr. phil.

Heute ist er Professor für Europäische Geschichte mit Schwerpunkt Neuzeit an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Ibaraki. Dort übernimmt er neben seiner Forschung und Lehre verschiedene akademische Leitungsaufgaben, darunter als stellvertretender Leiter des Zentrums für regionale Zusammenarbeit der Universität Ibaraki, als Leiter des Zentrums für regionale Zusammenarbeit in Lehre und Forschung an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften, als Leiter der Abteilung für Sozialwissenschaften am Zentrum für Grundbildung sowie als Vorsitzender des Ausschusses für internationalen Austausch.

Mit Hamburg und der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg verbindet ihn eine langjährige wissenschaftliche Beziehung. Bereits in den Jahren 2007/2008 und 2017/2018 war er als Gastwissenschaftler an der Universität tätig. Sein aktueller Forschungsaufenthalt knüpft damit an eine über viele Jahre gewachsene wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Hamburg und Japan an.

Besonders prägend für sein Forschungsinteresse war seine Zeit als Promovend in Hamburg in den 1990er Jahren: „Damals hatte ich Gelegenheit, mit Menschen aus linksalternativen Milieus in Kontakt zu kommen. Die Gespräche über Werte und politische Ansichten, die es in dieser Form damals in Japan nicht gab, haben mich tief geprägt. Schon zu dieser Zeit entstand der Entschluss, dieses Phänomen eines Tages historisch zu erforschen und einer japanischen Öffentlichkeit näherzubringen“, erinnert sich Prof. Dr. Jun Nakata.

Im Jahr 2023 veröffentlichte er dazu die Monografie Die Geschichte der Grünen in Deutschland. Linksalternative, Wertkonservatismus und zivilgesellschaftlicher Korporatismus.

Die Wiedervereinigung als langfristiger Transformationsprozess

Mehr als 35 Jahre nach der deutschen Einheit widmet sich Prof. Dr. Jun Nakata einer Frage, die bis heute aktuell ist: Welche langfristigen Folgen haben politische Umbrüche für wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen?

Antworten sucht der Historiker unter anderem in den ehemaligen DDR-Gebieten. Ein Schwerpunkt seiner aktuellen Forschung sind landwirtschaftliche Betriebe, deren Entwicklung bis heute von historischen Kontinuitäten und den Umbrüchen der Wiedervereinigung geprägt ist.

„Nach meiner Einschätzung weisen die landwirtschaftlichen Betriebe in den ehemaligen DDR-Gebieten drei prägende Merkmale auf: Im Vergleich zu Westdeutschland werden dort häufig sehr große und zugleich hochproduktive Betriebe geführt. Viele von ihnen sind als Genossenschaften organisiert, die aus den ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) hervorgegangen sind. Zudem engagieren sich zahlreiche Agrargenossenschaften in Projekten der erneuerbaren Energien und gelten häufig als Vorreiter in Deutschland. Ich möchte aus historischer Perspektive untersuchen, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist“, erklärt Nakata.

Für ihn bietet die ostdeutsche Transformationsgeschichte ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie politische Systeme, wirtschaftliche Strukturen und gesellschaftliche Entwicklungen über Jahrzehnte hinweg nachwirken können.

Zwei prägende Politiker der deutschen Nachkriegsgeschichte

Die Frage nach den langfristigen Folgen der deutschen Einheit führt zugleich zu den politischen Entwicklungen und Persönlichkeiten, die die Geschichte der Bundesrepublik über Jahrzehnte geprägt haben. Vor diesem Hintergrund richtet Prof. Dr. Jun Nakata während seines Forschungsaufenthalts auch den Blick auf die Biografien von Willy Brandt und Helmut Schmidt.

Beide Politiker genießen auch in Japan große Bekanntheit. Nach Angaben Nakatas existieren bislang jedoch keine umfassenden wissenschaftlichen Darstellungen ihres Lebens auf Japanisch.

Im Mittelpunkt seines Interesses steht dabei der Vergleich ihrer unterschiedlichen politischen Persönlichkeiten und Führungsstile: „Obwohl beide Politiker der SPD angehörten, interessiert mich insbesondere der Kontrast zwischen dem häufig als Idealisten wahrgenommenen Willy Brandt und dem pragmatischen Krisenmanager Helmut Schmidt. Die Helmut-Schmidt-Universität verfügt über äußerst wertvolle historische Quellen, die ich intensiv nutzen möchte. Zudem bieten Hamburg als Schmidts Heimatstadt und Lübeck als Geburtsstadt Brandts ideale Orte für meine Recherchen vor Ort.“

Wissenschaftlicher Austausch zwischen Hamburg und Japan

Neben seinen Forschungen zur deutschen Zeitgeschichte beteiligt sich Prof. Dr. Jun Nakata am CHIOS-Projekt „Uncovering strategic conceptualizations of Northern European geopolitics, security and multilateral cooperation – historically and contemporarily“. Dabei möchte er insbesondere einen Beitrag zur historischen Entwicklung der japanischen Sicherheitspolitik leisten.

„Ich freue mich sehr, erneut an die HSU/UniBw H zurückzukehren und bin Professor Michael Jonas sowie seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die herzliche Aufnahme sehr dankbar. Ich freue mich auf die kommenden Monate und den wissenschaftlichen Austausch“, sagt Nakata.

Zwei Personen gehen über den Campus der HSU/UniBw H und unterhalten sich. Eine Person gestikuliert während des Gesprächs, im Hintergrund ist ein Universitätsgebäude zu sehen.
Prof. Dr. Michael Jonas und Prof. Dr. Jun Nakata im Austausch auf dem Campus der HSU/UniBw H.

Doch auch außerhalb der Wissenschaft ist seine Verbindung zu Hamburg eng. Bereits während seiner Promotionszeit lebte er in der Hansestadt.

Eine besondere Rolle spielt dabei die Musik. Nakata ist leidenschaftlicher Amateur-Posaunist und wirkte bereits bei zahlreichen Konzerten in Hamburg mit, unter anderem bei der St. Stephan Brass Band Hamburg und den Otto Tromboni der Evangelisch-Lutherischen Kreuzkirche Wandsbek. Für Oktober 2026 ist zudem eine Konzerttournee mit einem japanischen Orchester geplant, die ihn unter anderem in die Berliner Philharmonie führen wird.

Die Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg heißt Prof. Dr. Jun Nakata erneut herzlich willkommen und wünscht ihm für seinen Forschungsaufenthalt am CHIOS einen erfolgreichen wissenschaftlichen Austausch sowie viele neue Impulse für seine Forschungsarbeit.