Hamburg. Einen Feiertag streichen, um die Wirtschaft anzukurbeln? Was wie ein politischer Vorstoß aus der aktuellen Debatte klingt, wird in Deutschland seit Jahren regelmäßig diskutiert. Angesichts wirtschaftlicher Stagnation, Fachkräftemangels und steigender Ausgaben für Infrastruktur, Verteidigung und Klimaschutz hat die Frage zuletzt neue Brisanz gewonnen: Könnte ein zusätzlicher Arbeitstag die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stärken?
Ganz theoretisch ist diese Diskussion nicht. Als Vorbild wird häufig Dänemark angeführt. Dort wurde 2024 der traditionsreiche „Store Bededag“ abgeschafft, ein Feiertag, der seit dem 17. Jahrhundert begangen wurde. Die dänische Regierung begründete den Schritt unter anderem mit dem Ziel, zusätzliche Mittel für höhere Verteidigungsausgaben zu mobilisieren. Auch in Deutschland wird deshalb immer wieder gefordert, die Zahl der Feiertage auf den Prüfstand zu stellen.
Doch was würde die Abschaffung eines Feiertags tatsächlich bewirken? Wie stark reagiert die Wirtschaft auf zusätzliche Arbeitstage? Und reicht ein einzelner Werktag aus, um spürbare Wachstumsimpulse zu setzen? Mit diesen Fragen hat sich Privatdozent Dr. Arne Hansen von der Professur für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Ordnungsökonomik, an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H) in einem aktuellen Fachbeitrag für den Wirtschaftsdienst beschäftigt.

Mehr Arbeit bedeutet nicht automatisch mehr Wachstum
Auf den ersten Blick scheint die Rechnung einfach: Mehr Arbeitstage bedeuten mehr Arbeitsstunden, mehr Produktion und damit mehr Wachstum. Doch so geradlinig verlaufen wirtschaftliche Zusammenhänge selten. Tatsächlich zeigen die von der Deutschen Bundesbank verwendeten Kalenderfaktoren ein differenzierteres Bild:
„Die Wirtschaftsleistung hängt von weit mehr ab als von der reinen Zahl der Werktage. Eine wichtige Rolle spielen etwa die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, das verfügbare Fachkräfteangebot sowie Unterschiede zwischen Branchen und Jahreszeiten“, erklärt Dr. Arne Hansen.
Wie komplex die Zusammenhänge sind, zeigt auch ein Blick in die Vergangenheit. Als der Buß- und Bettag 1995 in den meisten Bundesländern abgeschafft wurde, blieb er in Sachsen erhalten. Dennoch wuchs die Wirtschaft in Sachsen damals stärker als in einigen benachbarten Bundesländern.
Wie stark kann ein zusätzlicher Arbeitstag die Wirtschaft überhaupt beeinflussen?
Um diese Frage zu beantworten, wertete Dr. Arne Hansen aktuelle Daten der Deutschen Bundesbank aus. Das Ergebnis: Ein zusätzlicher Arbeitstag könnte das reale, also inflationsbereinigte Bruttoinlandsprodukt Deutschlands durchschnittlich um rund 0,12 Prozent erhöhen.
Für die Jahre 2026 und 2027 entspräche dies einer zusätzlichen Wertschöpfung von etwa 5,5 bis 5,7 Milliarden Euro.
„Das ist ein messbarer, aber begrenzter Impuls. Zum Vergleich: Bereits die Kalenderkonstellation des Jahres 2026 sorgt für einen positiven Arbeitstageeffekt. Weil mehrere Feiertage auf Wochenenden fallen, erhöht sich das Wirtschaftswachstum allein dadurch um rund 0,3 Prozentpunkte – bei einem insgesamt erwarteten BIP-Wachstum von etwa 1,3 bis 1,4 Prozent“, ordnet Hansen ein.
Die Analyse zeigt damit: Ein zusätzlicher Arbeitstag kann die Wirtschaftsleistung durchaus steigern. Die Größenordnung bleibt jedoch überschaubar und liegt deutlich unter dem, was häufig in der öffentlichen Debatte suggeriert wird.

Warum der Effekt begrenzt bleibt
Dass die Effekte vergleichsweise moderat ausfallen, erklärt ein zentraler Aspekt der Untersuchung, die sogenannte Arbeitstage-Elastizität. Sie beschreibt, wie stark die Wirtschaftsleistung auf Veränderungen der Zahl der Arbeitstage reagiert.
Langfristig liegt dieser Wert bei etwa 0,3. Vereinfacht bedeutet das: Ein Prozent mehr Arbeitstage führt durchschnittlich nur zu rund 0,3 Prozent mehr Wirtschaftsleistung.
Der Grund dafür liegt in den Abläufen der Wirtschaft selbst. Viele Tätigkeiten lassen sich zeitlich verschieben, Produktionskapazitäten sind nicht immer vollständig ausgelastet und manche Bereiche arbeiten weitgehend unabhängig von Feiertagen.
Hinzu kommen deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Branchen. Während beispielsweise das Verarbeitende Gewerbe oder das Baugewerbe vergleichsweise stark von zusätzlichen Arbeitstagen profitieren können, reagieren die Energieversorgung oder der Verkehrssektor deutlich weniger sensibel. Auch die Jahreszeit macht einen Unterschied: Ein zusätzlicher Arbeitstag im Frühjahr verspricht häufig größere wirtschaftliche Effekte als ein Werktag zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn in vielen Unternehmen die Produktion ruht oder nur eingeschränkt läuft.
Aktuelle wirtschaftliche Rahmenbedingungen begrenzen den Effekt
Wie stark ein zusätzlicher Arbeitstag tatsächlich genutzt werden kann, hängt nicht allein von der Zahl der verfügbaren Arbeitsstunden ab. Eine wichtige Rolle spielen auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
„Eine schwache Gesamtnachfrage und ein Fachkräftemangel wie etwa im Handwerkssektor dämpfen den möglichen positiven Effekt eines zusätzlichen Arbeitstags. Mit anderen Worten: Wo Personal fehlt oder Aufträge ausbleiben, lassen sich zusätzliche Arbeitsstunden nicht automatisch in zusätzliche Wertschöpfung umwandeln. Auch hohe Energiepreise können die möglichen Wachstumseffekte begrenzen“, erklärt Hansen.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Abschaffung eines Feiertags weniger als wirtschaftspolitischer Befreiungsschlag, sondern eher als eine Maßnahme mit begrenzter Wirkung.
Größere Potenziale liegen bei Strukturreformen
Wenn ein zusätzlicher Arbeitstag allein nicht ausreicht, stellt sich die Frage nach wirksameren Hebeln für Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Aus Hansens Sicht liegen diese vor allem bei langfristigen Strukturreformen.
Dazu zählen die Digitalisierung von Verwaltungsprozessen, der Abbau bürokratischer Belastungen, eine gesteuerte Erwerbsmigration zur Entlastung des Arbeitsmarkts sowie Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Innovation.
Warum die Debatte dennoch immer wieder geführt wird
Trotz der vergleichsweise begrenzten wirtschaftlichen Effekte flammt die Diskussion um Feiertage regelmäßig neu auf. Der Grund liegt darin, dass sie weit über wirtschaftliche Kennzahlen hinausreicht.
„Die Debatte ist emotional, weil sie Werte und Lebensmodelle unmittelbar betrifft: Feiertage stehen für Erholung und Freizeit ebenso wie für Traditionen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und kulturelle Identität. Sie berühren damit grundlegende Fragen darüber, wie Menschen arbeiten und leben wollen. Damit stehen sie häufig stellvertretend für größere gesellschaftliche Fragen: Wie viel Arbeit braucht eine moderne Volkswirtschaft? Welchen Wert haben Freizeit, Erholung und Lebensqualität? Und wie lässt sich wirtschaftlicher Wohlstand mit gesellschaftlichen Bedürfnissen in Einklang bringen?“, sagt Hansen.
Seine Analyse zeigt damit vor allem eines: Ein zusätzlicher Arbeitstag könnte die Wirtschaftsleistung zwar messbar erhöhen. Die großen wirtschaftlichen Herausforderungen Deutschlands werden sich jedoch nicht durch die Streichung eines einzelnen Feiertags lösen lassen, sondern vor allem durch Reformen, die die Rahmenbedingungen für Wirtschaft, Arbeit und Innovation langfristig verbessern.