Wie entsteht globaler Einfluss? Neue DFG‑Forschungsgruppe untersucht Chinas Rolle in der internationalen Ordnung

HSU

5. Juni 2026

Hamburg. Ob Infrastrukturprojekte im Rahmen der „Neuen Seidenstraße“, neue internationale Initiativen oder digitale Plattformen: China baut seinen Einfluss in der internationalen Ordnung seit Jahren sichtbar aus. Doch wie entsteht dieser Einfluss konkret und welche Rolle spielen dabei politische Ideen und Begriffe?

Diesen Fragen geht die Forschungsgruppe „Learning Empire. Autonomie, Abhängigkeit und Chinas entstehende imperiale Praktiken“ nach, die jetzt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Sie ist Teil einer neuen Förderrunde mit insgesamt 14 Forschungsgruppen.

Zwei Wissenschaftler der Helmut‑Schmidt‑Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg stehen nebeneinander und blicken in die Kamera.
Dr. Steven Langendonk und Prof. Dr. Matthew D. Stephen forschen an der HSU/UniBw H zu Chinas ideellen Einflussstrategien im Rahmen der DFG‑Forschungsgruppe „Learning Empire“

Globale Ordnung im Wandel: Neue Perspektiven auf Macht und Einfluss

Im Zentrum des Verbunds steht die Frage, ob sich im 21. Jahrhundert neue Formen von „imperialen“ Strukturen herausbilden – nicht durch territoriale Expansion, sondern durch wirtschaftliche Verflechtungen, politische Strategien und ideelle Einflussnahme. Ziel ist es, Chinas wachsenden Einfluss in unterschiedlichen Politikfeldern systematisch zu analysieren – von internationalen Finanz- und Wirtschaftssystemen über Infrastruktur und Rohstoffe bis hin zu digitalen Technologien und zum globalen Wissenschaftssystem.

Die Helmut‑Schmidt‑Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H) ist mit einem eigenen Teilprojekt „Imperiale Ideologie: Chinas Praktiken der ideellen Bindung in der Globalen Governance“ beteiligt: Prof. Dr. Matthew D. Stephen, Inhaber des Lehrstuhls für Politikwissenschaft, insbesondere Internationale Politische Ökonomie, forscht seit vielen Jahren zu internationalen Beziehungen und globaler Governance. Gemeinsam mit Dr. Steven Langendonk untersucht er, wie China seinen Einfluss über Ideen und Normen ausbaut.

Im Mittelpunkt steht dabei die sogenannte „ideelle Bindung“. Das Teilprojekt untersucht, wie China seit etwa 2013 versucht, eigene Begriffe, Narrative und Ordnungsvorstellungen international zu etablieren – etwa politische Leitkonzepte wie die von der chinesischen Regierung geprägte Formel einer „Community of Shared Future for Mankind“, die für eine stärker kooperative Gestaltung globaler Entwicklung stehen soll.

„Wenn wir verstehen wollen, wie sich die internationale Ordnung verändert, müssen wir auch schauen, welche Ideen und Begriffe sich global durchsetzen. Unser Projekt untersucht, wie solche Ideen entstehen, wie sie aufgegriffen werden – und welche Rolle sie tatsächlich für politischen Einfluss spielen“, erklärt Prof. Dr. Matthew D. Stephen.

Ziel ist es zu verstehen, wie solche Ideen entstehen, wie sie in internationalen Organisationen, Netzwerken und gesellschaftlichen Debatten aufgegriffen werden und wann sie tatsächlich politische Wirkung entfalten.

Damit rückt ein Aspekt von Macht in den Fokus, der im öffentlichen Diskurs oft weniger sichtbar ist: Einfluss entsteht nicht nur durch wirtschaftliche Stärke oder militärische Präsenz, sondern auch durch die Fähigkeit, politische Begriffe und Deutungsrahmen zu prägen.

Wie sich globaler Einfluss untersuchen lässt

Untersucht wird dies systematisch auf drei Ebenen:

  • Internationale Organisationen:
    Wie entwickeln sich bestehende und neue Institutionen und welche Rolle spielen dabei von China unterstützte Normen und Konzepte?
  • Transnationale Netzwerke:
    Wie prägen von China initiierte Netzwerke und Austauschformate jenseits offizieller Regierungskontakte („Track‑II‑Formate“) internationale Debatten?
  • Gesellschaftliche Diskurse:
    Wie verbreiten sich solche Ideen über Medien und Öffentlichkeit und welche Resonanz finden sie?

Um diese Prozesse zu erfassen, kombiniert das Projekt verschiedene Methoden – darunter Literaturanalysen, Interviews, Feldforschung sowie Inhalts‑ und Netzwerkanalysen, auch mit digitalen Verfahren. Ziel ist es, strukturell zu verstehen, unter welchen Bedingungen ideelle Einflussnahme wirksam wird.

Die Ergebnisse sollen bestehende Forschung zu Chinas internationaler Rolle, zur Entwicklung globaler Institutionen sowie zu Fragen von Legitimität und Hierarchien in der internationalen Ordnung erweitern und miteinander verbinden.

Beteiligt sind neben der HSU/UniBw H unter anderem die Universität Bonn, die Universität Bremen, die Goethe-Universität Frankfurt und die Universität Tübingen sowie die Constructor University Bremen, das Max‑Planck‑Institut für Wissenschaftsgeschichte und die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).