Wissen, Bildung, Verantwortung: Impulse vom 21. (Aus)Bildungskongress der Bundeswehr

HSU

4. September 2026

Hamburg. Rund 2.600 Teilnehmende haben sich beim 21. (Aus)Bildungskongress der Bundeswehr an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H) mit Fragen der Resilienz, Bildung und Handlungsfähigkeit in Frieden, Krise und Krieg auseinandergesetzt. 2.352 Gäste nahmen vor Ort teil, weitere 245 Personen verfolgten die Veranstaltung online. Inhaltlich vorbereitet und organisiert wurde der Kongress in Kooperation mit der Abteilung Ausbildung Streitkräfte des Streitkräfteamtes der Bundeswehr (SKA) und dem Bildungszentrum der Bundeswehr (BiZBw).

Als Mitglieder des Kooperationskomitees prägten Präsidentin Marion Felske (BiZBw), Oberst i.G. Dirk Schwede, Abteilungsleiter Ausbildung Streitkräfte im SKA, und Universitätspräsident Prof. Dr. Klaus Beckmann (HSU/UniBw H) die inhaltliche Ausrichtung des Kongresses. Im Gespräch erläutern sie aus Sicht von Bildung, Ausbildung und Wissenschaft, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um die Handlungs- und Verteidigungsfähigkeit von Bundeswehr, Staat und Gesellschaft nachhaltig zu stärken.

Universitätspräsident Prof. Dr. Klaus Beckmann (HSU/UniBw H), Präsidentin Marion Felske (BiZBw) und Oberst i.G. Dirk Schwede (SKA) gehören dem Kooperationskomitee des (Aus)Bildungskongresses der Bundeswehr an.

Wissen schafft Sicherheit

Interview mit Universitätspräsident Prof. Dr. Klaus Beckmann (HSU/UniBw H)

Der diesjährige (Aus)Bildungskongress beschäftigt sich mit gesellschaftlicher Resilienz in Frieden, Krise und Krieg. Welchen Beitrag kann Wissenschaft dazu leisten, die Handlungsfähigkeit von Staat, Bundeswehr und Gesellschaft langfristig zu stärken?

Prof. Beckmann: Wissenschaft lehrt vor allem eines: Entscheidungen nicht allein aus dem Augenblick heraus zu treffen, sondern sie anhand von Modellen systematisch zu reflektieren. Wir bilden Offizierinnen und Offiziere dazu aus, komplexe Zusammenhänge zu analysieren, Annahmen zu überprüfen und auch unter Unsicherheit zu begründeten Urteilen zu gelangen. Dieses wissenschaftliche Handwerkszeug stellen wir ebenso der militärischen Praxis zur Verfügung. Gleichzeitig schafft Forschung konkrete Lösungen. An der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg reicht das Spektrum von Drohnentechnologien und neuartigen Werkstoffen bis hin zu KI- und Datenmodellen. Wissenschaft stärkt damit sowohl die Urteilsfähigkeit der Menschen als auch die technologische Handlungsfähigkeit der Bundeswehr. Genau in diesem doppelten Sinne gilt: Wissen schafft Sicherheit.

Die Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg steht für das Leitmotiv „Wissen schafft Sicherheit“. Was bedeutet dieser Anspruch heute konkret für Forschung, Lehre und den Transfer zwischen Wissenschaft, Bundeswehr und Gesellschaft?

Wissenstransfer ist keine Einbahnstraße. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen ihren Weg in die Praxis finden. Umgekehrt entstehen aus den Erfahrungen und konkreten Bedarfen der Truppe neue und relevante Forschungsfragen. Dieses Wechselspiel ist eine besondere Stärke der Universitäten der Bundeswehr. Unser Transferverständnis erschöpft sich deshalb weder im Erreichen eines bestimmten technologischen Reifegrades noch in der Zahl der Ausgründungen. Entscheidend ist, gemeinsam mit den späteren Nutzerinnen und Nutzern wissenschaftlich fundierte Lösungen zu entwickeln, die einen konkreten Unterschied machen. Sie sollen Fähigkeiten verbessern, die Einsatzbereitschaft stärken und im Ernstfall Leben schützen. „Wissen schafft Sicherheit“ ist für uns daher kein abstrakter Leitsatz, sondern ein konkreter Auftrag für Forschung, Lehre und Transfer.

In Ihrem jüngsten Beitrag zur Zukunft der Offizierausbildung betonen Sie die Bedeutung wissenschaftlicher Bildung für militärische Führungskräfte. Welche Kompetenzen benötigen Offizierinnen und Offiziere künftig, um in einer von Unsicherheit, technologischen Umbrüchen und hybriden Bedrohungen geprägten Welt Verantwortung übernehmen zu können?

Ich fasse diese Kompetenzen in meinen „Big Four“ zusammen: Denken in Modellen, taktische und technische Kreativität, der souveräne Umgang mit Risiko und Ambiguität sowie die Fähigkeit, Behauptungen, vermeintliche Gewissheiten und auch die eigenen Annahmen kritisch zu hinterfragen. Offizierinnen und Offiziere müssen Routinen und Verfahren sicher beherrschen. Zugleich müssen sie erkennen können, wann diese nicht mehr tragen. Moderne militärische Führung verlangt deshalb beides: professionelles Können und eigenständige Urteilskraft. Gerade in komplexen und dynamischen Lagen kommt es darauf an, widersprüchliche Informationen einzuordnen, Desinformation zu erkennen und auch unter Zeitdruck verantwortbare Entscheidungen zu treffen. Wissenschaftliche Bildung schafft hierfür das intellektuelle Fundament.

Gesamtverteidigung erfordert das Zusammenwirken von Bundeswehr, Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Welche Rolle können Hochschulen dabei übernehmen, dieses Zusammenspiel zu fördern und gesellschaftliche Vorsorge zu stärken?

Die Universitäten der Bundeswehr nehmen hier eine besondere Rolle ein. Sie verbinden wissenschaftliche Exzellenz mit den Anforderungen von Sicherheit und Verteidigung und schaffen damit eine Brücke zwischen Wissenschaft, Streitkräften und Gesellschaft. Wenn es die Universitäten der Bundeswehr nicht bereits gäbe, müsste man sie erfinden. Ich sehe die beiden Universitäten der Bundeswehr als zentrale Quelle wissenschaftlicher Innovation und interner Beratung in der Bundeswehr. Zugleich sind sie Orte, an denen wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen, sicherheitsrelevante Fragestellungen untersucht und neue Lösungen für die Herausforderungen von Sicherheit und Gesamtverteidigung entwickelt werden.

Der Gründungsgedanke der Universitäten der Bundeswehr war es, wissenschaftliche Bildung mit der Ausbildung verantwortungsvoller Führungspersönlichkeiten zu verbinden. Warum ist dieser Ansatz aus Ihrer Sicht heute vielleicht sogar wichtiger als zum Zeitpunkt der Gründung?

Der Gründungsgedanke ist heute mindestens ebenso relevant wie damals. Bei der Gründung der Universitäten der Bundeswehr ging es auch darum, qualifizierte junge Menschen für die Offizierlaufbahn zu gewinnen und das Offizierkorps fest in Wissenschaft und Gesellschaft zu verankern. Heute steht die Bundeswehr erneut vor einem ambitionierten Aufwuchs. Ein anspruchsvolles wissenschaftliches Studium bleibt deshalb ein wichtiger Bestandteil einer attraktiven und zukunftsfähigen Offizierlaufbahn. Gleichzeitig haben sich die Anforderungen an militärische Führung erheblich gewandelt. Technologische Umbrüche, hybride Bedrohungen und die zunehmende Geschwindigkeit von Veränderungen machen es unmöglich, Offizierinnen und Offiziere durch feste Wissensbestände auf jede spätere Situation vorzubereiten. Sie müssen vielmehr lernen, sich neue Themen selbstständig zu erschließen, komplexe Lagen zu analysieren und unter Unsicherheit verantwortlich zu handeln. Dabei stehen militärische Ausbildung und wissenschaftliches Studium nicht in Konkurrenz zueinander. Sicher beherrschte Verfahren schaffen den notwendigen Freiraum für Denken, Kreativität und Urteilskraft, wenn Routinen nicht mehr ausreichen. Truppenführung verlangt nicht nur Fachwissen, sondern auch Kunst, Charakter und geistige Beweglichkeit. Genau darauf bereitet anspruchsvolle universitäre Bildung vor. Sie ist daher kein Zusatz zur Offizierausbildung, sondern eine wesentliche Voraussetzung moderner militärischer Führung.


Bildung als Grundlage gesellschaftlicher Resilienz

Interview mit Präsidentin Marion Felske (BiZBw)

In Ihrer Keynote sprechen Sie von einem „wehrhaften Mindset“. Was verstehen Sie darunter konkret, und warum ist diese Haltung aus Ihrer Sicht heute so wichtig für die Handlungsfähigkeit von Staat und Gesellschaft?

M. Felske: Seit Ende des kalten Krieges haben sich Verständnis und Vorstellung im Hinblick auf globale, aber auch militärische Konflikte im eigenen Land oder an unseren Landesgrenzen grundlegend geändert. Eine mentale Grundeinstellung (Mindset) mit der alle gesellschaftlichen Schichten verbindenden Erkenntnis, dass unser Erfolgsmodell der demokratischen Nachkriegsordnung im Fall einer Gefährdung mit allem Nachdruck zu verteidigen ist, stellt eine Grundvoraussetzung für ein wehrhaftes Mindset dar.

Eine starke Armee ist das beste Mittel, um Kriege zu verhindern. Gesellschaftlich geht es daher um die Bereitschaft, etwas zur Sicherheit unseres Landes beizutragen. Daneben steht das vorhandene Mindset der Bundeswehrangehörigen im Fokus. Die Angehörigen der Bundeswehr müssen sich ganzheitlich auf die Vielfalt und Komplexität der neuen, zum Teil ganz anderen und sich zudem schnell ändernden Herausforderungen im Kontext der Landes- und Bündnisverteidigung ausrichten. Denn wenn eine Großorganisation schnell wächst, während sie unter dynamisch verlaufenden Rahmenbedingungen ihre Aufgaben, Strukturen und Verfahren anpasst, fordert dies die Menschen und das System in einem extremen Maße. Hier kommt der Bildung eine Schlüsselrolle zu. Denn Bildung schafft die Voraussetzungen dafür, Komplexität zu erfassen, Unsicherheit auszuhalten, rechtssicher zu handeln, Verantwortung zu übernehmen und in Krisenlagen tragfähige Entscheidungen zu treffen.

Die Bundeswehr steht vor einem personellen Aufwuchs. Welche Rolle spielen Aus-, Fort- und Weiterbildung dabei, Menschen auf die Anforderungen von Frieden, Krise und Konflikt vorzubereiten?

Fachlich kompetentes und motiviertes Personal ist eine zentrale Voraussetzung für die effiziente und erfolgreiche Bewältigung sämtlicher Aufgaben der Bundeswehr. Im Bereich der fachlichen Qualifizierung wird das Personal für die Wahrnehmung unterschiedlichster Aufgaben, wie beispielsweise in den Bereichen Personal, Infrastruktur und Ausrüstung befähigt. Daneben stellen Innovationen höchste Anforderungen an unser Personal. Der technologische Fortschritt – wie beispielsweise im Bereich der künstlichen Intelligenz – generiert spezifische Qualifizierungsbedarfe. Auch eine Modernisierung entfaltet nur dann ihre volle Wirkung, wenn das Personal auch für die Aufgaben exzellent ausgebildet und kontinuierlich weiterqualifiziert wird.

Neben der fachlichen Qualifizierung im Rahmen der Aus-, Fort- und Weiterbildung spielt gerade in krisen- und konfliktbehafteten Situationen die Vermittlung von sozialen und persönlichen Kompetenzen für alle Angehörigen der Bundeswehr eine zentrale Rolle. Verantwortungsbewusstes und werteorientiertes Handeln sind die Voraussetzung für eine resiliente Bundeswehr. Sämtliche Veränderungsprozesse sind dabei vorrangig durch unsere Führungskräfte zu gestalten, weshalb auch die Führungskräftequalifizierung in den Fokus rückt. Die Aus-, Fort- und Weiterbildung ist damit in allen Gefährdungslagen ein strategischer Erfolgsfaktor für eine leistungsfähige Bundeswehr.

Der Kongress bringt Akteurinnen und Akteure aus Bundeswehr, Wissenschaft, Wirtschaft und Bildung zusammen. Warum kann gesellschaftliche Resilienz nur gemeinsam gestärkt werden?

Weil angesichts der gegenwärtigen Bedrohungslagen nur eine gesamtgesellschaftliche Resilienz das Fundament für die Fortexistenz unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung bildet. Es muss möglichst in allen gesellschaftlichen Schichten in der Bevölkerung ein verbindlicher Konsens Voraussetzung dafür sein, dass bei hybriden Bedrohungslagen, aber auch offenen Kampfhandlungen jede Bürgerin und jeder Bürger unseres Landes, ob in der Industrie, im Handel, Handwerk oder in der Wirtschaft, in der Verwaltung, in der Wissenschaft und Lehre, im Dienstleistungssektor oder in der Bundeswehr beschäftigt, im eigenen Wirkungsbereich Haltung zeigen muss. Nur ein gemeinsamer Weg führt zu einer erfolgreichen Wehrhaftigkeit und Verteidigung unseres Landes und der Länder unserer Bündnispartner. Und dieses Verständnis muss im Verteidigungsfalle funktionieren. Die Signale einer wehrhaften und verteidigungsbereiten Demokratie müssen allen Aggressoren bewusst eindrucksvoll aufgezeigt werden, und das nicht nur auf der Packungsbeilage von bloßen Absichtserklärungen, damit Abschreckung wirkungsvoll garantiert werden kann.


Ausbildung für Aufwuchs, Krise und Landes- und Bündnisverteidigung

Interview mit Oberst i.G. Dirk Schwede, Abteilungsleiter Ausbildung Streitkräfte (SKA)

Sie schreiben in ihrem Grußwort, dass das Ausbildungssystem der Bundeswehr resilient und skalierbar ausgelegt sein muss. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen bei der Weiterentwicklung dieses Systems?

Oberst Schwede: Die Bundeswehr entwickelt ihr Ausbildungssystem derzeit weiter, um den Anforderungen von Aufwuchs sowie Landes- und Bündnisverteidigung gerecht zu werden. Erste Untersuchungen zeigen, dass es sinnvoll ist, künftig wieder verstärkt direkt in der Truppe auszubilden. Viele Ausbildungsstrukturen sind bislang jedoch noch zentral organisiert. Eine wichtige Aufgabe besteht deshalb darin, die Truppe stärker zu befähigen, selbst auszubilden. Dabei werden Simulatoren und andere technologiegestützte Ausbildungsmöglichkeiten zunehmend an Bedeutung gewinnen. Sie ermöglichen eine realitätsnahe Ausbildung, ohne die Systeme zu belasten, die anschließend für Auftrag und Einsatz bereitstehen müssen.

Mit „Train While You Fight“ beschreiben Sie einen Ansatz, bei dem Lernen und Auftragserfüllung immer enger zusammenrücken. Welche Veränderungen ergeben sich daraus für die Ausbildungspraxis der Bundeswehr?

Im Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung müssen wir neue Erkenntnisse möglichst schnell bis in die Truppe bringen und umsetzen können. „Train While You Fight“ zählt zu den wesentlichen Lehren aus dem Krieg in der Ukraine. Dort kann Personal weder regelmäßig ausgetauscht noch aus dem Einsatz herausgelöst werden. Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Gefecht fließen deshalb unmittelbar in die Ausbildung ein. Wenn sich beispielsweise die Angriffstaktiken der russischen Streitkräfte verändern, muss auch die Verteidigung entsprechend angepasst werden. Gleichzeitig verändern sich Technologien und Taktiken immer schneller. Deshalb stellen wir die Ausbildungsverfahren bereits heute um und treiben die Digitalisierung der Ausbildung voran. Neue Themen wie die Drohnenabwehr oder der Einsatz unbemannter Systeme gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung. Der technologische Wandel wird die Ausbildung der Streitkräfte in den kommenden Jahren maßgeblich prägen.

Welche Rolle spielen digitale Lernplattformen und technologiegestützte Ausbildung für die Zukunft der Ausbildung in der Bundeswehr?

Digitale Lernplattformen und technologiegestützte Ausbildung sind aus meiner Sicht ein zentraler Baustein für die Zukunftsfähigkeit und Resilienz unseres Ausbildungssystems. Je mehr Ausbildungsinhalte unabhängig von einzelnen Standorten verfügbar sind, desto robuster wird das Gesamtsystem. Ein wichtiger Schritt ist dabei die virtuelle Lernumgebung der Bundeswehr. Es ermöglicht Lerninhalte flexibel bereitzustellen und Ausbildung stärker in die Fläche zu bringen. Gleichzeitig helfen Simulatoren und digitale Ausbildungsumgebungen dabei, Fähigkeiten effizient zu vermitteln und Ausbildungskapazitäten zu erweitern. Dass wir bei neuen Themen bereits Fortschritte erzielen, zeigt beispielsweise die Drohnenausbildung. In vielen Bereichen sind wir auf einem guten Weg. Zugleich wird es noch Zeit benötigen, die Ausbildung weiter anzupassen und die Truppe umfassend in die Lage zu versetzen, selbst auszubilden. Entscheidend ist, dass wir die Grundlagen heute schaffen, um auch künftig schnell, flexibel und wirksam qualifizieren zu können.

Wargaming auf höchstem Niveau: Xenia Schröder erfolgreich am U.S. Army War College zertifiziert

HSU

28. August 2026

Carlisle/Hamburg. Wargaming macht komplexe Entscheidungsprozesse in modellierten Situationen erlebbar. Die Methode wird insbesondere im militärischen und sicherheitspolitischen Kontext eingesetzt, gewinnt aber auch in anderen Bereichen an Bedeutung. Xenia Schröder, Projektmanagerin am German Wargaming Center (GWC) der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H), hat nun eine Zertifizierung im Bereich Wargaming am U.S. Army War College (USAWC) absolviert. Als erste deutsche Frau im „Wargame Designer Course“ gehörte sie mit 23 Jahren zu den jüngsten internationalen Teilnehmenden.

Xenia Schröder, Projektmanagerin am German Wargaming Center der HSU/UniBw H, absolvierte erfolgreich die Wargame-Designer-Zertifizierung des U.S. Army War College.

Entscheidungen treffen und ihre Folgen erleben

Für Wargaming gibt es unterschiedliche Definitionen. Im Kern handelt es sich um eine Methode, bei der Menschen in einer modellierten Situation Entscheidungen treffen und erleben, wie sich diese auf den weiteren Verlauf auswirken. Wargames bilden komplexe Zusammenhänge vereinfacht ab, ohne dabei vorzugeben, dass sich Entwicklungen eindeutig vorhersagen lassen.

Im Mittelpunkt stehen die Entscheidungen der Beteiligten. Sie handeln mit begrenzten Informationen, verfolgen zum Teil unterschiedliche Ziele und müssen auf Entwicklungen reagieren, deren Folgen nicht immer absehbar sind. Auf diese Weise lassen sich Entscheidungs- und Koordinationsprozesse untersuchen und gemeinsam auswerten.

Vom ersten Planspiel zum German Wargaming Center

Zum Wargaming kam Xenia Schröder, Jahrgang 2003, während ihres ehrenamtlichen Engagements bei der Jungen Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Bei einem Planspiel in Potsdam lernte sie Dr. Joseph Verbovszky kennen, er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Politikwissenschaft, insbesondere Politische Theorie sowie Co-Direktor des GWCs. Er bat die heute 23-Jährige, ihn bei der Durchführung weiterer Wargames am GWC zu unterstützen. Mit gerade einmal 20 Jahren hat sie gemeinsam mit Dr. Verbovszky erste Spielleitungen durchgeführt.

Auf diese ersten Erfahrungen folgten unterschiedliche Durchführungen und mehrere Zertifizierungen, die Schröder zur eigenständigen Leitung entsprechender Spiele befähigten. Heute arbeitet sie am German Wargaming Center der HSU/UniBw H und entwickelt dort auch eigene Formate. Xenia Schröder hat einen Abschluss in Philosophy Politics and Economics (PPE) der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und studiert derzeit Jura an der Universität Hamburg.

Zertifizierung am U.S. Army War College

Die Teilnahme am Programm „Wargame Designer Course“ des U.S. Army War College war für Schröder fachlich und persönlich von besonderer Bedeutung. „Allein die Möglichkeit der Teilnahme an einem solch hochkarätigen Kurs war mir eine große Ehre. Zudem war es spannend zu sehen, welchen Stellenwert Wargaming in den USA einnimmt“, sagt Xenia Schröder. Besonders beeindruckt habe sie die Intensität, mit der Wargaming dort genutzt und erforscht werde. Die Erfahrungen aus dem Kurs fließen nun auch in ihre Arbeit am German Wargaming Center ein.

Dass sie als erste deutsche Frau und jüngste Teilnehmerin das Programm absolvierte, ist für sie ein besonderer Erfolg. „Darauf bin ich sehr stolz. Ich hoffe auch, dass ich so mehr Frauen dazu inspirieren kann, eine Laufbahn in der Sicherheitspolitik einzuschlagen“, sagt Schröder.

Politische Entscheidungsprozesse im Modell

Im Rahmen des Programms am USAWC entwickelte Schröder das Wargame „Cabinet Crisis“. Das Spiel beschäftigt sich mit strukturellen Herausforderungen politischer Entscheidungsprozesse in einer Koalitionsregierung.

Die Spielenden übernehmen unterschiedliche politische und journalistische Rollen in einem fiktiven Staat. Gemeinsam müssen sie auf Ereignisse reagieren und die Stabilität der Regierung sichern. Gleichzeitig verfolgen sie individuelle, zunächst nicht offengelegte Ziele.

Ereignis- und Aktionskarten bilden politische Entwicklungen und Reaktionsmöglichkeiten ab. Die Entscheidungen werden verdeckt getroffen und anschließend in einer festgelegten Reihenfolge ausgewertet. Dadurch können sich auch zuvor abgestimmte Maßnahmen anders auswirken als erwartet.

„Cabinet Crisis“ macht so sichtbar, wie unterschiedliche Interessen, unvollständige Informationen, öffentliche Wahrnehmung und mediale Berichterstattung politische Entscheidungen beeinflussen können. Eine zentrale Frage lautet: Wie lässt sich die Handlungsfähigkeit einer Regierung erhalten, wenn die Beteiligten neben gemeinsamen auch eigene Ziele verfolgen?

Personen spielen ein Wargame.
In „Cabinet Crisis“ übernehmen die Spielenden politische und journalistische Rollen und bewältigen die Herausforderungen einer Koalitionsregierung.
Mit „Cabinet Crisis“ macht Wargame-Designerin Xenia Schröder Entscheidungsprozesse, Zielkonflikte und Medienwirkungen in Koalitionsregierungen erlebbar.

Komplexität erfahrbar machen

Wargames können komplexe Prozesse auf wesentliche Zusammenhänge reduzieren und dadurch zugänglicher machen. Ihr Erkenntniswert liegt jedoch nicht allein in der vereinfachten Darstellung. Die Teilnehmenden erleben, wie sich ihre eigenen Entscheidungen auf den weiteren Verlauf auswirken. Gerade darin sieht Schröder einen besonderen Mehrwert von Wargames:

„Ein Spiel bietet die Möglichkeit, hochkomplexe Prozesse vereinfacht darzustellen und so ein besseres Verständnis für sie zu entwickeln. Gleichzeitig erlebt man die Auswirkungen von Entscheidungen selbst mit.“

Dieses Erleben gehe über die reine Wissensvermittlung hinaus und ermögliche auch einen emotionalen Zugang zu komplexen Zusammenhängen.

Welche Erkenntnisse entstehen, hängt vom jeweiligen Spiel und seinem Erkenntnisinteresse ab. Bei „Cabinet Crisis“ stehen unter anderem der Einfluss von Medien sowie die unbeabsichtigten Folgen politischer Entscheidungen im Mittelpunkt.

Spielbestandteile eines Wargames liegen auf einem Tisch.
Jede Entscheidung zählt: In „Cabinet Crisis“ kann sie die Stabilität einer fiktiven Koalitionsregierung gefährden.

Vom Thema zur Spielmechanik

Wargames können auf unterschiedlichen Wegen entwickelt werden. Schröder arbeitete bei „Cabinet Crisis“ mit einem Bottom-up-Ansatz. Nachdem das Thema feststand, entwickelte sie zunächst eine passende Spielmechanik und stimmte anschließend die weiteren Elemente darauf ab.

Für die erste Version stand nur eine begrenzte Entwicklungszeit zur Verfügung. Der Schwerpunkt lag deshalb zunächst auf einer funktionierenden Grundmechanik. Im nächsten Schritt möchte Schröder das Spiel ausbauen und stärker an die politische Realität in Deutschland anpassen.

Potenzial für Forschung und Lehre

Für Schröder liegt eines der größten Potenziale von Wargaming in der Sensibilisierung für komplexe Themen und Akteurskonstellationen.

„Spielerinnen und Spieler müssen mit den Folgen ihrer Entscheidungen leben. Dadurch entsteht ein anderer Zugang zu den behandelten Fragestellungen als durch reine Theorie“, erklärt sie.

Für Schröder steht als Nächstes die Weiterentwicklung von „Cabinet Crisis“ an. Parallel setzt sie ihre Arbeit am GWC fort und beschäftigt sich weiter mit der Frage, wie Wargaming für Forschung, Lehre und sicherheitspolitische Praxis genutzt werden kann.

Neue E-Learning-Plattform OREL der HSU/UniBw H unterstützt individuelles Lernen im Operations Research

HSU

24. August 2026

Hamburg. Welche Route sollte ein Paketbote wählen, um möglichst viele Sendungen in möglichst kurzer Zeit auszuliefern? Wie lassen sich Lager effizient organisieren oder Fahrzeuge platzsparend auf einer Fähre verladen? Hinter solchen Fragestellungen steckt die Suche nach der bestmöglichen Lösung für komplexe Planungs- und Entscheidungsprobleme. Genau damit beschäftigt sich das Operations Research. Mithilfe mathematischer Methoden werden reale Herausforderungen aus Bereichen wie Logistik, Produktion oder Transport analysiert und optimiert.


Damit Studierende die dafür erforderlichen Methoden selbstständig erlernen und vertiefen können, wurde an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H) die Operations Research E-Learning Plattform (OREL) entwickelt. Das Projekt entstand an den Professuren für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Management Science und Operations Research von Prof. Dr. Florian Jaehn sowie für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Beschaffung und Produktion von Prof. Dr. Dominik Kreß. Maßgeblich an der Entwicklung beteiligt waren Julius Hardt, M.Sc. , Dr. Andreas Hipp und Dr. Finn Meissner. Die technische Umsetzung erfolgte in Kooperation mit dem Hamburger Unternehmen digitalklang creating solutions.

Das Team hinter der neuen E-Learning-Plattform OREL der HSU/UniBw H.

Individuelles Lernen für unterschiedliche Lernbedürfnisse

Wer Verfahren des Operations Research sicher anwenden möchte, muss sie nicht nur verstehen, sondern auch selbst rechnen und erproben. Dabei zeigt sich in der Lehre immer wieder ein bekanntes Phänomen: Studierende lernen unterschiedlich und bringen andere Voraussetzungen und Erfahrungen mit. „Während einige Studierende ein Verfahren bereits anwenden können, wenn es in der Vorlesung vorgestellt wird, müssen andere es mehrere Stunden lang selbst anwenden, bis sie es sicher beherrschen. Vorlesungen und Übungen können diese Unterschiede naturgemäß nur begrenzt auffangen. Sie sind darauf ausgelegt, durchschnittliche Lernvoraussetzungen abzubilden. Eine individuelle Begleitung während des Selbststudiums oder eine unmittelbare Rückmeldung bei Fehlern ist im Hochschulalltag jedoch kaum möglich“, erklärt Dr. Meissner.

Aus dieser Herausforderung heraus entstand OREL. Die Plattform soll Studierende dabei unterstützen, Inhalte eigenständig zu vertiefen und Lernwege stärker an den individuellen Bedarf anzupassen.

So unterstützt OREL beim Lernen

Für verschiedene Verfahren können mit OREL individuell generierte Übungsaufgaben erstellt und direkt bearbeitet werden. Schritt-für-Schritt-Lösungen ermöglichen es, Rechenwege nachzuvollziehen und typische Fehler besser zu verstehen.

„Es ist sehr aufwändig, Übungsaufgaben zum Vertiefen einzelner Aspekte eines Verfahrens bereitzustellen und dabei das unterschiedliche Vorwissen der Studierenden zu berücksichtigen. OREL löst dieses Problem durch die schnelle Generierung von Aufgaben und die Möglichkeit, Lösungswege detailliert nachzuvollziehen“, sagt Julius Hardt.

Ein besonderer Vorteil liegt im unmittelbaren Feedback: Fehler werden bereits während des Lernprozesses sichtbar und nicht erst später bei der Durchsicht von Musterlösungen oder in einer Übung. Studierende können ihren Lernfortschritt dadurch kontinuierlich überprüfen und gezielt an den Stellen weiterarbeiten, an denen noch Unsicherheiten bestehen.

Mehr Transparenz bei der Prüfungsvorbereitung

Neben dem eigenständigen Lernen unterstützt OREL auch die Vorbereitung auf Prüfungen. Da sich prüfungsnahe Aufgaben generieren lassen, erhalten Studierende einen realistischen Eindruck davon, welche Kompetenzen gefordert werden und wo noch Übungsbedarf besteht.

Darüber hinaus fördert die Plattform Kompetenzen, die über das Beherrschen einzelner Rechenverfahren hinausgehen. Dazu gehören insbesondere Analyse- und Problemlösekompetenz sowie die Fähigkeit, komplexe Methoden selbstständig zu erschließen.

Entwicklung über mehrere Projektphasen

Die Entwicklung von OREL begann im Frühjahr 2024. Bereits zuvor war rund ein halbes Jahr Vorarbeit in die Konzeption eingeflossen. Umgesetzt wurde das Vorhaben gemeinsam mit dem Praxispartner digitalklang creating solutions.

Während das Unternehmen die technische Infrastruktur, die Entwicklungsumgebung und die Benutzeroberfläche realisierte, verantworteten Julius Hardt, Dr. Andreas Hipp und Dr. Finn Meissner die fachlichen Anforderungen der Plattform und begleiteten deren Umsetzung. Auf Grundlage der Lehrinhalte der beteiligten Professuren entwickelten sie die Inhalte, implementierten Verfahren und überführten bestehende Algorithmen in die Plattform.

Weiterentwicklung eines bestehenden Konzepts

Ganz neu beginnt die Geschichte von OREL allerdings nicht. Bereits an der Universität Siegen entwickelte Prof. Dr. Dominik Kreß die Lernsoftware LAVES, die als geistiger Vorgänger der heutigen Plattform gilt. Für OREL wurde das Konzept jedoch vollständig neu entwickelt und an aktuelle technische Anforderungen angepasst.

Als browserbasierte Webanwendung ist die Plattform ohne zusätzliche Installation nutzbar und wurde gezielt auf die Lehrbedürfnisse an der HSU/UniBw H ausgerichtet. Gleichzeitig wurde der Funktionsumfang erweitert und die Grundlage für eine kontinuierliche Weiterentwicklung geschaffen.

Eine erste Version der Plattform war bereits seit längerer Zeit online und wurde kontinuierlich weiterentwickelt. Rückmeldungen von Studierenden flossen dabei direkt in den Entwicklungsprozess ein. So zeigte sich beispielsweise, dass viele Nutzende OREL nicht nur am Computer oder Tablet, sondern auch auf dem Smartphone verwenden möchten. Entsprechende Anforderungen wurden bei der Weiterentwicklung berücksichtigt.

Positive Rückmeldungen und Blick über die Hochschule hinaus

Obwohl OREL bisher nur zurückhaltend beworben wurde, wird die Plattform bereits von Studierenden genutzt. Die bisherigen Rückmeldungen fallen überwiegend positiv aus. Gleichzeitig liefern sie wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Plattform.

Mit OREL soll jedoch nicht nur die Lehre an der HSU/UniBw H unterstützt werden. Die Plattform wurde bewusst öffentlich zugänglich gestaltet.

„Viele der in OREL behandelten Verfahren gehören zum Standardrepertoire des Operations Research und werden an Hochschulen in Deutschland und darüber hinaus vermittelt. Die Plattform kann deshalb bereits heute über die HSU hinaus genutzt werden und bietet Anknüpfungspunkte für eine zukünftige Weiterentwicklung durch andere Einrichtungen“, erläutert Prof. Dr. Dominik Kreß.

Auf diese Weise soll OREL nicht nur Studierende beim Lernen unterstützen, sondern auch einen Beitrag zu freier Forschung, Lehre und wissenschaftlichem Austausch leisten.

Gesellschaftliche Resilienz: Warum sie uns alle betrifft

HSU

28. August 2026

Hamburg. Wie gut wäre unsere Gesellschaft auf einen großflächigen Cyberangriff vorbereitet? Was passiert, wenn Desinformation gezielt das Vertrauen in demokratische Institutionen untergräbt? Oder wenn kritische Infrastrukturen plötzlich ausfallen?

Fragen wie diese stehen zunehmend im Mittelpunkt sicherheits- und gesellschaftspolitischer Debatten. Sie bilden auch den Ausgangspunkt für den 21. (Aus)Bildungskongress der Bundeswehr (ABK), der vom 1. bis 3. September 2026 an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg stattfindet. Inhaltlich vorbereitet und organisiert wird der Kongress in Kooperation mit der Abteilung Ausbildung Streitkräfte des Streitkräfteamtes der Bundeswehr und dem Bildungszentrum der Bundeswehr. Unter dem Leitthema „Gesellschaftliche Resilienz“ diskutieren Vertreterinnen und Vertreter aus Bundeswehr, Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und zivilen Einsatzorganisationen darüber, wie Deutschland widerstandsfähiger und zugleich handlungsfähig bleiben kann, und welchen Beitrag Bildung und Ausbildung leisten können, um gesellschaftliche Resilienz zu entwickeln.

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Eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft

Gesellschaftliche Resilienz beschreibt die Fähigkeit eines Gemeinwesens, Krisen zu bewältigen, sich an veränderte Bedingungen anzupassen und auch unter Druck handlungsfähig zu bleiben. Dabei geht es längst nicht mehr nur um klassische Sicherheitsfragen.

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie eng gesellschaftliche, technologische und politische Entwicklungen miteinander verknüpft sind. Desinformationskampagnen, hybride Bedrohungen, Sabotageakte oder Angriffe auf digitale Systeme können Auswirkungen haben, die weit über einzelne Organisationen hinausreichen. Sie betreffen Verwaltung, Wirtschaft, Infrastruktur und letztlich den Alltag aller Bürgerinnen und Bürger.

Die zentrale Frage lautet deshalb: Wie lässt sich eine Gesellschaft so aufstellen, dass sie auch in schwierigen und unsicheren Zeiten stabil bleibt?

Warum Bildung dabei eine Schlüsselrolle spielt

Resilienz entsteht nicht erst in der Krise. Sie wird langfristig aufgebaut – durch Wissen, Kompetenzen und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen.

Bildung sowie Aus-, Fort- und Weiterbildung leisten hierzu einen entscheidenden Beitrag. Menschen müssen lernen, komplexe Situationen einzuordnen, Informationen kritisch zu bewerten und unter Zeitdruck Entscheidungen zu treffen. Ebenso wichtig sind Belastbarkeit, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, sich auf neue Herausforderungen einzustellen.

Dabei geht es nicht allein um Fachwissen. Wer Krisen verstehen will, muss ihre Ursachen erkennen, Zusammenhänge analysieren und mögliche Handlungsoptionen entwickeln können. Bildung schafft die Voraussetzungen dafür, Unsicherheit nicht nur auszuhalten, sondern aktiv und selbstbewusst mit ihr umzugehen.

Gemeinsam Lösungen entwickeln

Wie Resilienz in der Praxis gestärkt werden kann, lässt sich nicht aus einer einzelnen Perspektive beantworten. Deshalb bringt der (Aus)Bildungskongress Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen zusammen.

Die Bundeswehr arbeitet in der Vorbereitung auf Krisenlagen eng mit den Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen von Behörden, wissenschaftlichen Einrichtungen, Unternehmen und zivilen Organisationen zusammen. Der Austausch zwischen diesen Akteuren ermöglicht es, Erfahrungen zu teilen, voneinander zu lernen und gemeinsame Lösungsansätze zu entwickeln.

Der Kongress versteht sich daher nicht nur als wissenschaftliches Forum, sondern auch als Plattform für Vernetzung und Dialog. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Bildungs- und Ausbildungskonzepte zur Stärkung von Fähigkeiten, Strukturen und Haltungen erforderlich sind, um in einer zunehmend komplexen Welt handlungsfähig zu bleiben.

Digitalisierung und KI verändern die Anforderungen

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Auswirkungen von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz.

Digitale Technologien eröffnen neue Möglichkeiten für Kommunikation, Analyse und Entscheidungsunterstützung. Gleichzeitig entstehen neue Herausforderungen. Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen, KI-generierte Desinformation oder die wachsende Schwierigkeit, verlässliche Informationen von Falschinformationen zu unterscheiden, beeinflussen die Stabilität moderner Gesellschaften unmittelbar.

Umso wichtiger wird es, Chancen und Risiken technologischer Entwicklungen gemeinsam zu betrachten und Strategien für einen verantwortungsvollen Umgang zu entwickeln.

Erkenntnisse für die Zukunft

Der (Aus)Bildungskongress möchte Denkanstöße geben, Perspektiven zusammenführen und konkrete Impulse für Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft schaffen.

Dabei zieht sich eine zentrale Botschaft durch alle Themenfelder: Gesellschaftliche Resilienz ist keine Aufgabe einzelner Institutionen. Sie betrifft uns alle. Sie erfordert Eigenverantwortung, Zusammenarbeit und die Bereitschaft, voneinander zu lernen.

Oder anders formuliert: Eine widerstandsfähige Gesellschaft entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen, Wissen teilen und gemeinsam handeln.

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Programmübersicht ABK 2026

Forschende der HSU/UniBw H präsentieren Arbeiten auf internationaler EMBC-Konferenz

HSU

12. August 2026

Hamburg. Eine Smartwatch registriert Herzfrequenz, Bewegung und weitere Gesundheitsdaten rund um die Uhr. Doch was passiert, wenn genau dann Messwerte fehlen, wenn sie besonders wichtig wären? Und wie lassen sich die Bereiche im Herzen identifizieren, die lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen auslösen, wenn die Erkrankung während einer Untersuchung nicht direkt messbar ist?

Mit diesen Fragen beschäftigen sich zwei Forschungsarbeiten der Professur für Data Engineering von Prof. Dr. Maria Maleshkova, die auf der diesjährigen IEEE Engineering in Medicine and Biology Conference (EMBC) vorgestellt wurden. Die Arbeiten von Vaibhav Gupta (M.Sc.) und Mustafa Masjedi (M.Sc.) zeigen, wie Datenanalyse und Künstliche Intelligenz dazu beitragen können, medizinische Vorhersagen zu verbessern und Behandlungen gezielter zu unterstützen.

Zwei wissenschaftliche Mitarbeiter der Professur für Data Engineering stehen vor einer digitalen Anzeigetafel der IEEE Engineering in Medicine and Biology Conference (EMBC) 2026 in Toronto. Die Konferenzanzeige zeigt das Logo der Veranstaltung sowie Veranstaltungsort und -datum.
Die wissenschaftlichen Mitarbeiter Vaibhav Gupta (l.) und Mustafa Masjedi (r.) präsentierten ihre aktuellen Forschungsarbeiten auf der IEEE Engineering in Medicine and Biology Conference (EMBC) 2026 in Toronto, Kanada.

Internationale Bühne für biomedizinische Forschung

Die IEEE Engineering in Medicine and Biology Conference (EMBC) zählt zu den weltweit führenden wissenschaftlichen Konferenzen an der Schnittstelle von Medizin, Biomedizintechnik, Informatik und Künstlicher Intelligenz. Die vorgestellten Beiträge durchlaufen zuvor ein strenges Peer-Review-Verfahren, bei dem unabhängige Fachgutachterinnen und Fachgutachter die wissenschaftliche Qualität bewerten. Auf der Konferenz selbst werden die Arbeiten anschließend mit Forschenden aus aller Welt diskutiert, eingeordnet und weiterentwickelt.

Wenn fehlende Daten zu einem medizinischen Problem werden

Smartwatches und andere Wearables liefern heute eine Vielzahl von Gesundheitsdaten. Sie können dabei helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen oder Risiken besser einzuschätzen. Gleichzeitig sind die erfassten Daten selten perfekt. Sensoren erfassen nicht kontinuierlich, Batterien entladen sich und Verbindungen brechen ab. Die Folge sind Datenlücken, die von wenigen Sekunden bis zu mehreren Stunden reichen können.

Mit genau diesem Problem beschäftigt sich Vaibhav Gupta in seiner Forschungsarbeit „Improving Hypoglycemia Prediction by Benchmarking Heart Rate Data Quality Using Impute Paradigm“. Im Fokus steht die Vorhersage von Hypoglykämien, also Unterzuckerungen, bei Menschen mit Diabetes.

Fehlende Messwerte werden üblicherweise mithilfe sogenannter Imputationsverfahren ergänzt. Häufig kommt dabei unabhängig von der Größe der Datenlücke dieselbe Methode zum Einsatz. Die Forschung von Vaibhav Gupta hinterfragt diesen Ansatz. Mithilfe des sogenannten Impute Paradigm untersucht er, welche Verfahren sich für unterschiedlich große Datenlücken am besten eignen. Dazu wurden zunächst verschiedene Methoden anhand simulierter Datenlücken verglichen und anschließend gezielt auf reale Datensätze angewendet.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich Vorhersagen von Unterzuckerungen auf Grundlage von Herzfrequenz- und Glukosedaten verbessern lassen, wenn die Auswahl der Methode an die jeweilige Datenlücke angepasst wird. Die Arbeit verdeutlicht damit, wie eng Datenqualität und medizinische Vorhersagequalität miteinander verbunden sind.

Das Poster stieß auf großes Interesse. Mehr als 30 Konferenzteilnehmende nutzten die Gelegenheit, die Methodik und mögliche Weiterentwicklungen zu diskutieren. Besonders häufig wurde die Frage gestellt, ob sich das zugrunde liegende Konzept auch auf andere physiologische oder multimodale Sensordaten übertragen lässt.

Für Vaibhav Gupta war vor allem der Blick über die eigene Forschung hinaus prägend:

„Besonders inspirierend waren die Diskussionen darüber, wie Forschungsergebnisse in Start-ups, Technologien und praktische Lösungen für das Gesundheitswesen überführt werden können. Zu sehen, wie sich Grundlagenforschung von einer ersten wissenschaftlichen Idee zu einer Technologie mit dem Potenzial entwickeln kann, reale Herausforderungen im Gesundheitswesen zu adressieren, hat mir eine breitere Perspektive darauf vermittelt, welche Wirkung unsere Forschung letztlich erzielen kann.“

Künstliche Intelligenz zur Unterstützung der Behandlung schwerer Herzrhythmusstörungen

Mit einer anderen medizinischen Herausforderung beschäftigt sich Mustafa Masjedi. Seine Forschung „Machine-Learning based Identification of Arrhythmia-Driving Regions in Ventricular Tachycardia Using Neighborhood-Aggregated Features from 3-D Electroanatomical Mapping“ befasst sich mit ventrikulären Tachykardien, einer lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörung.

Die ventrikuläre Tachykardie kann durch eine Katheterablation behandelt werden. Dabei wird das für die Rhythmusstörung verantwortliche Herzgewebe gezielt verödet. Für eine erfolgreiche Behandlung müssen diese Bereiche möglichst präzise lokalisiert werden. Genau das ist jedoch oft schwierig. Insbesondere dann, wenn die Tachykardie während der Untersuchung nicht stabil aufrechterhalten und somit nicht direkt vermessen werden kann.

In solchen Fällen nutzen Ärztinnen und Ärzte dreidimensionale elektroanatomische Karten der Herzkammer, die während des normalen Herzrhythmus erstellt werden. Sie enthalten mehrere tausend Messpunkte mit elektrischen Signalen aus dem Inneren des Herzens. Bestimmte Merkmale dieser Signale sollen dabei helfen, die verantwortlichen Bereiche zu erkennen und mögliche Stellen für die Katheterablation zu bestimmen.

Die Besonderheit des von Mustafa Masjedi entwickelten Machine-Learning-Ansatzes liegt in der Einbeziehung der räumlichen Umgebung. Das Modell analysiert nicht nur die Eigenschaften einzelner Messpunkte, sondern berücksichtigt zusätzlich die Merkmale benachbarter Bereiche. Diese werden als „Neighborhood-Aggregated Features“ bezeichnet. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich potenziell relevante Ablationsziele mithilfe dieser räumlichen Informationen besser identifizieren lassen.

Die Arbeit wurde im Rahmen eines wissenschaftlichen Vortrags vorgestellt und stieß auf positive Resonanz. Besonders großes Interesse bestand an der klinischen Relevanz der Fragestellung sowie an dem seltenen elektrophysiologischen Datensatz, auf dem die Analysen basieren. Die Diskussionen verdeutlichten zugleich das Potenzial der Verbindung von klinischer Elektrophysiologie und maschinellem Lernen.

Die nächsten Schritte sind bereits klar definiert:

„Als nächste Schritte möchten wir den Ansatz methodisch weiterentwickeln, an zusätzlichen Patientendaten überprüfen und die Entscheidungen der Modelle klinisch besser nachvollziehbar machen. Perspektivisch könnte die Methode als Grundlage für ein Assistenzsystem dienen, das Ärztinnen und Ärzte bei der Planung einer Katheterablation unterstützt.“

Forschung im internationalen Austausch

Für beide Wissenschaftler zeigte die EMBC einmal mehr die Bedeutung des internationalen Austauschs für die Weiterentwicklung wissenschaftlicher Forschung. Die Gespräche mit Forschenden aus aller Welt lieferten konkrete Anregungen für die nächsten Schritte und eröffneten neue Perspektiven für die weitere Entwicklung ihrer Arbeiten.

Für Vaibhav Gupta wurde dabei besonders deutlich, wie stark moderne Gesundheitsforschung heute von der Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen geprägt ist:

„Viele der Ansätze, die auf der EMBC vorgestellt wurden, kombinieren Fachwissen, Methoden und Daten aus unterschiedlichen Forschungsbereichen, um komplexe Herausforderungen im Gesundheitswesen zu adressieren. Die Diskussionen auf der EMBC haben mir gezeigt, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Bereichen wie Wearable-Sensorik, Data Science, maschinellem Lernen, biomedizinischer Technik und Gesundheitswesen ist. Nur durch diese Verbindung entstehen Lösungen, die nicht nur technisch robust sind, sondern auch für die Praxis relevant werden.

Auch für Mustafa Masjedi war die Konferenz eine besondere Erfahrung:

„Mein persönliches Highlight war es, die Ergebnisse meiner eigenen Forschungsarbeit erstmals auf einer großen internationalen Konferenz präsentieren und anschließend mit Fachkolleginnen und Fachkollegen aus verschiedenen Ländern diskutieren zu können.“

Die Veröffentlichung der zugehörigen wissenschaftlichen Publikationen ist für Dezember geplant.

ARACHNE: Wie Daten helfen können, Angst besser zu verstehen

HSU

11. August 2026

Hamburg. Herzklopfen, Anspannung, Vermeidungsverhalten – Angst zeigt sich auf vielen Ebenen gleichzeitig. Wie diese unterschiedlichen Reaktionen zusammenhängen, untersuchen Florian Grensing (M.Sc.) und Prof. Dr. Maria Maleshkova von der Professur für Data Engineering der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H). Gemeinsam mit Prof. Dr. Tim Klucken von der Professur für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Siegen haben sie ARACHNE entwickelt – einen offenen Datensatz, der physiologische Messungen, Verhaltensdaten und subjektive Angstbewertungen aus realen und virtuellen Expositionssituationen bei Spinnenphobie zusammenführt.

Spinnenphobie als Forschungsmodell

Spezifische Phobien zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Dabei handelt es sich um ausgeprägte Ängste vor bestimmten Objekten oder Situationen, etwa vor Spinnen, Höhen oder dem Fliegen. Schätzungen zufolge sind rund fünf Prozent der Menschen in Europa betroffen. Die Angst geht dabei weit über ein normales Unbehagen hinaus und kann den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Manche Betroffene meiden Keller, Abstellräume oder Aktivitäten im Freien. Andere fühlen sich bereits unwohl, wenn sie wissen, dass sich eine Spinne im Raum befindet – selbst dann, wenn sie diese gar nicht sehen.

Für die Forschung sind sie besonders interessant, weil Angstreaktionen unter kontrollierten Bedingungen gezielt ausgelöst und untersucht werden können.

„Unser Ziel ist es, die Reaktionen von Menschen mit Spinnenphobie in verschiedenen Tests zu vergleichen und den aktuellen Angstzustand aus physiologischen Daten zu berechnen“, erläutert Florian Grensing.

Warum Angst schwer zu messen ist

Angst wirkt auf den ersten Blick wie ein klarer Zustand. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Prozesse.

Während betroffene Personen ihre Angst subjektiv beschreiben können, zeigen sich gleichzeitig messbare körperliche Reaktionen. Dazu gehören beispielsweise Veränderungen der Herzfrequenz oder der Hautleitfähigkeit. Letztere beschreibt, wie stark die Haut auf körperliche Anspannung reagiert. Hinzu kommt beobachtbares Verhalten: Menschen mit einer Spinnenphobie meiden häufig Situationen oder Orte, an denen sie Spinnen vermuten.

„Die Schwierigkeit besteht darin, dass einzelne Messkanäle nicht ausschließlich durch Angst beeinflusst werden. Physiologische Daten verändern sich beispielsweise auch durch Bewegung oder andere äußere Faktoren. Um ein vollständigeres Bild zu erhalten, kombiniert ARACHNE daher mehrere Datenquellen miteinander“, erklärt Florian Grensing.

Echte Spinne oder Virtual Reality?

Eine Besonderheit von ARACHNE ist der Vergleich zwischen traditionellen Verhaltensvermeidungstests und Virtual-Reality-Anwendungen. Dabei untersuchen die Forschenden, inwieweit virtuelle Begegnungen mit einer Spinne ähnliche Angstreaktionen auslösen wie reale Situationen.

Virtual Reality wird sowohl in der Forschung als auch in der Behandlung von Angststörungen eingesetzt. Für die Wissenschaft bietet sie einen entscheidenden Vorteil: Virtuelle Umgebungen lassen sich vollständig kontrollieren und unter denselben Bedingungen beliebig oft wiederholen.

„Bei einer echten Spinne hat man das Problem, dass sie sich in manchen Sitzungen sehr viel bewegt und in anderen gar nicht. Das erschwert die Vergleichbarkeit der Ergebnisse. In der virtuellen Realität können wir dagegen exakt festlegen, wie sich die Spinne verhält und die Situation für alle Teilnehmenden unter denselben Bedingungen wiederholen“, sagt Florian Grensing.

Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie realistisch virtuelle Expositionsszenarien Angstreaktionen abbilden. Die Untersuchungen im Rahmen von ARACHNE zeigen, dass die Reaktionen in der virtuellen Realität tendenziell etwas geringer ausfallen als bei echten Begegnungen mit einer Spinne. Gerade deshalb liefert der Datensatz wertvolle Erkenntnisse darüber, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Ansätzen bestehen.

Screenshot eines virtuellen Zimmers mit Möbeln und einer kleinen virtuellen Spinne auf einer Fensterbank vor dem Fenster.
Virtuelle Testumgebung des Datensatzes ARACHNE. Die computergenerierte Raumsituation dient zur Untersuchung von Angstreaktionen während virtueller Expositionsszenarien.
Screenshot einer Virtual-Reality-Anwendung mit einer virtuellen Spinne auf einer Fensterbank vor einem Fenster in einem simulierten Raum.
Virtuelle Spinne in der Testumgebung des Datensatzes ARACHNE. Die Forschenden untersuchen, wie Menschen mit Spinnenphobie auf reale und virtuelle Expositionssituationen reagieren.

Grundlage für datengetriebene Forschung

Die Datenerhebung erfolgte ursprünglich im Rahmen einer gemeinsamen Studie mit der Universität Siegen. Anschließend entschieden sich die Forschenden, die Daten als Open-Science-Ressource öffentlich verfügbar zu machen.

„Wir wollen eine Grundlage schaffen, auf der andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aufbauen können, um Methoden und Ergebnisse zu vergleichen und weiterzuentwickeln“, sagt Florian Grensing.

Bislang gibt es nur wenige frei verfügbare Datensätze, die Angstreaktionen von Menschen mit spezifischen Phobien aus mehreren Perspektiven gleichzeitig erfassen. ARACHNE verbindet physiologische Messungen, beobachtbares Verhalten und subjektive Angstbewertungen und ermöglicht darüber hinaus den Vergleich zwischen realen und virtuellen Expositionssituationen.

Dadurch können Forschende Angstreaktionen umfassender untersuchen und neue datengetriebene Methoden entwickeln. Gleichzeitig erleichtert die offene Bereitstellung des Datensatzes den Vergleich von Ergebnissen zwischen verschiedenen Forschungsgruppen.

Damit schafft ARACHNE eine Grundlage für weiterführende Forschung an der Schnittstelle von Psychologie, Data Engineering und künstlicher Intelligenz.

Perspektiven für personalisierte Therapien

Besonders interessant sind dabei datengetriebene Verfahren und Methoden des maschinellen Lernens. Sie können Muster identifizieren, die mit klassischen Auswertungsverfahren nur schwer erkennbar sind.

Langfristig sehen die Forschenden Potenzial für individuellere Diagnostik- und Therapieansätze: Physiologische Daten könnten zusätzliche Hinweise auf Angstreaktionen oder Therapieerfolge liefern und die Selbsteinschätzungen von Patientinnen und Patienten ergänzen. Ziel ist dabei nicht, subjektive Angaben zu ersetzen, sondern verschiedene Informationsquellen miteinander zu verbinden.

Die langfristige Vision besteht darin, Expositionstherapien datenbasiert und adaptiv zu gestalten. Künftige Systeme könnten Angstreaktionen in Echtzeit erkennen und therapeutische Maßnahmen stärker auf einzelne Personen abstimmen.

Weitere Informationen zu ARACHNE

Der Datensatz ARACHNE ist über Zenodo frei verfügbar. Das Forschungsteam arbeitet derzeit zudem an einer wissenschaftlichen Publikation, die Datensatz und Methodik ausführlich beschreibt.

Hier kommen Sie zum Datensatz: ARACHNE: An Open Multimodal Dataset of Physiological, Behavioural, and Subjective Anxiety Responses for Spider Phobia | Zenodo

H2MASS: Neues Forschungsprojekt entwickelt Wasserstoffspeicher für die Energieversorgung von Passagierschiffen

HSU

7. August 2026

Hamburg. Wer an die Dekarbonisierung der Schifffahrt denkt, hat meist den Antrieb von Schiffen im Blick. Doch auch im Hafen benötigen Passagierschiffe große Mengen an Energie. Klimaanlagen, Beleuchtung, Küchen, Wäschereien oder Aufzugsanlagen bleiben in Betrieb, während das Schiff an der Kaimauer liegt. Auch die Versorgung dieser sogenannten Hotellast verursacht bislang Emissionen und stellt die maritime Branche vor die Frage, wie eine klimafreundlichere Energieversorgung im Hafenbetrieb aussehen kann. Das Forschungsprojekt H2MASS untersucht, wie sich diese Energieversorgung künftig mit Wasserstoff und innovativen Speichersystemen emissionsärmer gestalten lässt.

Zum Auftakt des Projekts trafen sich die Projektpartner zu einem ersten Kick-off-Workshop. Gemeinsam arbeiten die Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H), das Helmholtz-Zentrum Hereon und die MEYER WERFT an einem integrierten Wasserstoffenergiesystem für große Passagierschiffe. Als assoziierter Partner bringt zudem die Carnival Maritime GmbH ihre Expertise aus dem Schiffsbetrieb ein.

Sechs Teilnehmende des Forschungsprojekts H2MASS stehen während eines Kick-off-Workshops in einer Ausstellungshalle der MEYER WERFT vor mehreren Modellen von Passagierschiffen. Einige der Beteiligten tragen Schutzhelme. Im Hintergrund sind Vitrinen mit Schiffsmodellen zu sehen.
Teilnehmende des Kick-off-Workshops von H2MASS in der MEYER WERFT.

Wasserstoff als Energieträger

Ziel von H2MASS ist es, die Bordstromversorgung von Passagierschiffen künftig auf erneuerbare Energien umzustellen und damit Emissionen wie CO2 und Rußpartikel insbesondere in urbanen Häfen zu reduzieren.

Dafür setzen die Forschenden auf Wasserstoff als Energieträger. In einer Brennstoffzelle reagiert Wasserstoff mit Sauerstoff und erzeugt dabei elektrische Energie. Diese kann sowohl für den Antrieb als auch für das Bordstromnetz genutzt werden.

Damit rückt aber eine entscheidende Frage in den Fokus: Wie lässt sich Wasserstoff in ausreichender Menge, sicher und platzsparend an Bord eines Schiffes speichern?

Wasserstoff speichern wie ein Schwamm

Eine mögliche Antwort liefern sogenannte Metallhydridspeicher. In einem Metallgitter können Wasserstoffatome sehr dicht in den Zwischengitterplätzen eingelagert werden. Bei Bedarf lassen sie sich wieder freisetzen. Vereinfacht gesagt funktioniert das Material ähnlich wie ein Schwamm: Es nimmt Wasserstoff auf, speichert ihn und gibt ihn wieder ab.

Heute wird Wasserstoff meist entweder komprimiert bei einem Druck von bis zu 700 bar oder verflüssigt bei Temperaturen von rund minus 253 Grad Celsius gespeichert. Beide Verfahren erfordern hohe Energiemengen und aufwendige Tanksysteme.

Metallhydridspeicher arbeiten dagegen unter deutlich moderateren Bedingungen. Bereits bei Temperaturen von unter 100 Grad Celsius und von weniger als 50 bar Druck kann Wasserstoff gespeichert werden. Damit eignen sich diese Speicher besonders gut für die Kopplung mit Brennstoffzellen und Elektrolyseuren, die in vergleichbaren Temperatur- und Druckbereichen arbeiten.

Warum Metallhydridspeicher für Schiffe Vorteile bieten können

Für maritime Anwendungen bieten Metallhydridspeicher gleich mehrere Vorteile. Die Technik ermöglicht eine kompakte und sichere Speicherung großer Wasserstoffmengen, zwei Eigenschaften, die auf Schiffen von besonderer Bedeutung sind.

Interessant ist dabei auch ein Aspekt, der in anderen Anwendungen eher als Nachteil gilt: das Gewicht. Während schwere Speichersysteme in anderen Anwendungen häufig unerwünscht sind, kann ein höheres Gewicht auf Schiffen sogar zur Stabilität beitragen, sofern die Speicher an geeigneter Stelle im Rumpf installiert werden.

Forschung und Industrie arbeiten Hand in Hand

Das Projekt baut auf einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen der HSU/UniBw H und dem Helmholtz-Zentrum Hereon auf. Insbesondere die Professur für Werkstofftechnik sowie die Professur für Angewandte Werkstofftechnik arbeiten seit vielen Jahren eng mit den Forschenden in Geesthacht zusammen. Durch die gemeinsame Berufung von Prof. Dr. Thomas Klassen, Vizepräsident für Forschung und Prof. Dr.Ing. Julian Jepsen können die Stärken beider Einrichtungen miteinander verbunden werden.

Mit der MEYER WERFT kommt im Projekt nun zusätzlich umfangreiche schiffbauliche Expertise hinzu. Diese Verbindung von materialwissenschaftlicher Forschung, Simulation und praktischem Schiffbau ist eine wichtige Voraussetzung, um die Technologie aus dem Labor in reale Anwendungen zu überführen.

Simulationen liefern Einblicke ins Innere des Speichers

Die HSU/UniBw H bringt vor allem Expertise in der Simulation des Verhaltens von Wasserstoffspeichern an Bord eines Schiffes ein. Mithilfe eines digitalen Zwillings untersuchen die Forschenden, wie sich unterschiedliche Materialkombinationen, Tankkonfigurationen und Betriebszustände auf das Speichersystem auswirken.

Dadurch können Vorhersagen getroffen werden, ohne jede mögliche Konfiguration aufwendig bauen und testen zu müssen. Das spart Zeit und Ressourcen. Gleichzeitig ermöglichen die Simulationen ein tieferes Verständnis der Vorgänge im Inneren der Speicher, die experimentell nur eingeschränkt beobachtet werden können.

„Wenn wir im Laufe des Projekts einen Demonstrator entwickeln und betreiben können, der die Vorteile von Metallhydridspeichern unter realistischen Bedingungen sichtbar macht, wäre das ein wichtiger Schritt für den Einsatz dieser Technologie an Bord von Passagierschiffen. Unser Ziel ist es, zu zeigen, dass Wasserstoffspeicher auf Metallhydridbasis eine praktikable Lösung für maritime Energiesysteme sein können“, sagt Prof. Dr. Julian Jepsen.

Eine Blaupause für die Schifffahrt von morgen

Die Entwicklung des Speichers allein ist nicht das zentrale Ziel von H2MASS. Entscheidend wird sein, wie sich das System in die komplexen Energiestrukturen moderner Passagierschiffe integrieren lässt. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, einen Metallhydridspeicher sowohl technisch als auch räumlich in das bestehende Energiesystem an Bord einzubinden.

Gelingt diese Systemintegration, könnte das Projekt den Weg für eine neue Generation maritimer Energiesysteme ebnen. H2MASS konzentriert sich zunächst auf die Versorgung großer Passagierschiffe im Hafenbetrieb. Langfristig reichen die Perspektiven jedoch weiter: Die Forschenden wollen eine Blaupause für zukünftige Schiffsgenerationen entwickeln, die auch auf andere maritime Anwendungen übertragbar ist. Die gewonnenen Erkenntnisse könnten damit einen wesentlichen Beitrag zur Energie- und Mobilitätswende im maritimen Sektor leisten.

Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H) und Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) unterzeichnen Rahmenvereinbarung über langjährige Zusammenarbeit

HSU

5. August 2026

Hamburg/Koblenz. Unterseeboote sind eine Schlüsseltechnologie für die maritime Verteidigungsfähigkeit Deutschlands. Ihre Funktionalität erfordert nicht nur kontinuierliche technologische Innovationen, sondern auch den institutionellen Austausch zwischen wissenschaftlicher Expertise und den Bedarfen der Bundeswehr. Vor diesem Hintergrund haben die Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H) und das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw), Programm Unterseeboote, eine Rahmenvereinbarung geschlossen. Diese zielt auf Zukunfts-, Technologie- und Fähigkeitsentwicklung im Bereich der Schlüsseltechnologie Unterseeboote ab.

Zie Männer sitzen im Anzug vor einem Hellmut-Schmidt-Universität Poster. Vor ihnen liegt Papier und sie halten Stifte in der Hand.
Jörg Jährig, Direktor des BAAINBw und Programmleiter Unterseebote (links) und Universitätspräsident Prof. Klaus Beckmann (rechts) unterzeichnen die gemeinsame Rahmenvereinbarung zur Zukunfts-, Technologie- und Fähigkeitsentwicklung im Bereich Unterseeboote.

Geplante Forschungsvorhaben und technologische Schwerpunkte

Die auf sieben Jahre angelegte Rahmenvereinbarung schafft den rechtlichen Rahmen für die auftragsgebundene Weiterentwicklung der Schlüsseltechnologie Unterseeboote durch die HSU/UniBw H.

Im Mittelpunkt der Vereinbarung steht der unmittelbare Austausch zwischen der Deutschen Marine, dem BAAINBw und den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der HSU/UniBw H. Diese sorgen dafür, dass technische und operative Obsoleszenzen unmittelbar bearbeitet werden und zentrale Fähigkeiten damit erhalten bleiben. Die HSU/UniBw H bringt damit hochspezialisierte Technologie- und Unterstützungsleistungen in eine der wesentlichen Schlüsseltechnologien der Marine ein.

Die Rahmenvereinbarung umfasst mehrere Arbeitspakete: Dazu zählen die Entwicklung und Integration von Technologien für Unterseeboote, darunter Energie- und Antriebssysteme, die Integration von Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz, Daten- und Signalverarbeitung, Unterwasserkommunikation, Hydrodynamik, Signaturmanagement sowie Schwerpunkte der Human-Machine-Interaction.

Geplant sind mehrere Einzelvorhaben, die technologische Entwicklungen wissenschaftlich begleiten und gezielt aktuelle Fragestellungen sowie Herausforderungen im Bereich maritimer Unterwassertechnologien und des Unterseebootwesens adressieren.

Langfristiger Rahmen für Forschung und Fähigkeitsentwicklung

Prof. Dr. Klaus Beckmann, Präsident der HSU/UniBw H, betonte die Bedeutung der Vereinbarung:

„Die Universitäten der Bundeswehr haben sich in den vergangenen Jahren zu zentralen wissenschaftlichen Partnern für die Weiterentwicklung der Schlüsseltechnologien in den Streitkräften entwickelt. Unsere Stärke liegt darin, wissenschaftliche Exzellenz mit einem tiefen Verständnis für die Erfordernisse der Bundeswehr zu verbinden. Die neue Rahmenvereinbarung eröffnet dem Programm Unterseeboote des BAAINBw einen schnellen Zugang zu wissenschaftlicher Exzellenz ihrer ressorteignen Universitäten.“

Auch Jörg Jährig, Direktor beim BAAINBw und Programmleiter Unterseebote im BAAINBw, unterstrich die gemeinsame Zielsetzung:

„Wir freuen uns, dass die HSU/UniBw H ihre wissenschaftliche Expertise in die Untersuchung von Zukunftstechnologien für die deutsche Unterseebootsflotte einbringt. Die daraus entstehenden Ergebnisse leisten einen wichtigen Beitrag, um technologische und operative Obsoleszenzen frühzeitig zu erkennen und umgehend zu beheben.“

Mit der neuen Vereinbarung schaffen beide Partner einen langfristigen Rahmen, um wissenschaftliche Erkenntnisse, technologische Entwicklungen und konkrete Anforderungen der Bundeswehr eng miteinander zu verknüpfen und den Wissenstransfer zwischen Forschung und Anwendung weiter auszubauen.


Ansprechpartner für die Medien

Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg:
Pressestelle
Lara Frese
Tel. 040 6541 2267
E-Mail: [email protected]

Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr:
Regierungsdirektor
Thomas Erken
Tel. 0261 4001 2819
E-Mail: [email protected]

Verantwortung beginnt dort, wo Entscheidungen Folgen haben: Die Grüne Woche des Studierendenbereichs C verband praktische Ausbildung mit der Reflexion über Führung, Gewissen und gesellschaftliche Verantwortung

HSU

28. Juli 2026

Hamburg. Wie entstehen gute Entscheidungen in Situationen, die von Unsicherheit, komplexen Abwägungen und weitreichenden Folgen geprägt sind? Mit dieser Frage setzte sich der Feldgottesdienst zum Abschluss der „Grünen Woche“ des Studierendenfachbereichs C an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg auseinander. Ausgangspunkt war der historische Bezug zum sogenannten „Trinity“-Test vom 16. Juli 1945, der als Beginn des Atomzeitalters gilt.

Gruppe von Studierenden in Feldanzügen steht auf einer Grünfläche in Formation. Im Vordergrund hält eine Person eine Fahne, weitere Teilnehmende sind im Hintergrund zwischen Bäumen versammelt.
Studierende des Studierendenfachbereichs C treten zum Abschluss der Grünen Woche im Rahmen des Feldgottesdienstes an.

Lernen außerhalb des Hörsaals

Die Grüne Woche ist ein fester Bestandteil der Offizierausbildung. Für mehrere Tage verlassen die Studierenden den Campus und absolvieren auf einem Truppenübungsplatz praktische Ausbildungsanteile. Dabei sammeln sie Erfahrungen in militärischen Abläufen, übernehmen Verantwortung in der Gruppe und erleben Anforderungen, die sie auf ihren späteren Dienst vorbereiten.

Im Studierendenfachbereich C verbinden sich diese praktischen Erfahrungen mit einem Studium der Politikwissenschaft, Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre. Fragen nach Macht, Verantwortung und den Folgen von Entscheidungen begleiten die angehenden Offizierinnen und Offiziere daher sowohl in der Theorie als auch in der Praxis.

Zwischen technischer Möglichkeit und ethischer Verantwortung

Der Feldgottesdienst griff diese Erfahrungen auf und stellte sie in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang. In seiner Predigt erinnerte Militärdekan Pater Peter Henrich daran, dass der Trinity-Test einerseits für die enorme menschliche Fähigkeit steht, technologische Grenzen zu überschreiten, andererseits aber auch für die Verantwortung, die mit solchen Entwicklungen verbunden ist.

„Nicht alles, was möglich ist, ist deshalb schon richtig“, betont Pater Henrich.

Verantwortung bedeute, Entscheidungen nicht allein nach Machbarkeit zu beurteilen, sondern Recht, Gewissen und Menschenwürde gemeinsam in den Blick zu nehmen.

Person in Feldanzug mit grünem liturgischem Stola spielt im Freien Gitarre während eines Feldgottesdienstes. Im Hintergrund sind weitere Angehörige der Bundeswehr auf einer Rasenfläche zu sehen.
Militärdekan Pater Peter Henrich gestaltet den Feldgottesdienst zum Abschluss der Grünen Woche des Studierendenfachbereichs C.
Nahaufnahme eines Wimpels mit Bundesadler und der Aufschrift „1/C“ an einer Holzstange. Im Hintergrund sind Bäume und ein Gebäude auf dem Campus unscharf zu erkennen.
Der Wimpel des Studierendenfachbereichs C beim Abschluss der Grünen Woche auf dem Campus der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg.

Aktuelle Fragen für Gesellschaft und Führung

Die Überlegungen reichen weit über den historischen Anlass hinaus. Angesichts rasanter technologischer Entwicklungen – von Künstlicher Intelligenz bis zu autonomen Systemen – stellt sich zunehmend die Frage, wie Fortschritt verantwortungsvoll gestaltet werden kann. Welche Folgen haben Entscheidungen? Welche Grenzen braucht technologische Entwicklung? Und welche Rolle spielen ethische Maßstäbe in einer Zeit wachsender Möglichkeiten?

Der Feldgottesdienst bot hierfür keine einfachen Antworten. Er verstand sich vielmehr als Einladung, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen und Verantwortung als Teil professioneller Führung zu begreifen.

Für die Studierenden markierte der Gottesdienst damit nicht nur den Abschluss einer intensiven Ausbildungswoche. Er verband praktische Erfahrungen mit einer Frage, die in Gesellschaft, Politik, Wissenschaft und Streitkräften gleichermaßen relevant bleibt: Wie können Menschen verantwortungsvoll handeln, wenn ihre Entscheidungen Auswirkungen auf andere haben?

Reproduktive Gerechtigkeit: Interdisziplinäre Perspektiven auf Schwangerschaftsabbrüche, Körper und Autonomie

HSU

23. Juli 2026

Hamburg. Schwangerschaftsabbrüche sind Teil der gesellschaftlichen Realität. Dennoch sind sie häufig mit rechtlichen Hürden, Versorgungslücken und gesellschaftlicher Stigmatisierung verbunden. Wie diese Faktoren zusammenwirken und welche Perspektiven das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit auf Fragen körperlicher Selbstbestimmung eröffnet, stand im Mittelpunkt der Tagung „Gewollt, geregelt, gerecht? Interdisziplinäre Perspektiven auf Schwangerschaftsabbrüche, Körper und Autonomie“, die Ende Juni an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H) und der Bucerius Law School stattfand.

Drei Personen stehen vor einem orangefarbenen Banner des Netzwerks ReproGerecht mit den Logos der HSU/UniBw H, der Bucerius Law School und der Universität Rostock. In der Mitte steht Prof. Dr. Henrike von Scheliha, rechts Prof. Dr. Dana-Sophia Valentiner.
Die Organisatorinnen Prof. Dr. Anne-Kristin Kuhnt, Prof. Dr. Henrike von Scheliha und Prof. Dr. Dana-Sophia Valentiner (v.l.n.r.) der Tagung „Gewollt, geregelt, gerecht? Interdisziplinäre Perspektiven auf Schwangerschaftsabbrüche, Körper und Autonomie“ vor dem Banner des Netzwerks ReproGerecht.

Reproduktive Rechte zwischen Gesetzgebung, Versorgung und gesellschaftlicher Realität

Die Debatte über Schwangerschaftsabbrüche wird in Deutschland häufig auf die Regelungen des § 218 Strafgesetzbuch (StGB) reduziert. Der Paragraph regelt die rechtlichen Rahmenbedingungen für Schwangerschaftsabbrüche und zählt seit Jahrzehnten zu den umstrittensten Bestimmungen des deutschen Strafrechts.

Nach der derzeitigen Rechtslage gelten Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich als rechtswidrig. Unter bestimmten Voraussetzungen bleiben sie jedoch straffrei, etwa wenn die schwangere Person zuvor eine Schwangerschaftskonfliktberatung in Anspruch genommen hat und der Abbruch innerhalb der gesetzlich vorgesehenen Frist erfolgt. Weitere Ausnahmen bestehen beispielsweise bei medizinischer oder kriminologischer Indikation.

Die Diskussionen auf der Tagung machten deutlich, dass sich die Lebensrealität von Betroffenen jedoch nicht allein über die Rechtslage erklären lässt. Neben den gesetzlichen Rahmenbedingungen spielen auch die Verfügbarkeit medizinischer Angebote, regionale Unterschiede in der Versorgung, der Zugang zu Informationen sowie gesellschaftliche Vorstellungen von Körper, Autonomie und Elternschaft eine wichtige Rolle.

Interdisziplinärer Austausch zu reproduktiver Gerechtigkeit

Diesen Zusammenhängen widmet sich das Netzwerk ReproGerecht. Dem Netzwerk gehören unter anderem Prof. Dr. Henrike von Scheliha (Bucerius Law School), Prof. Dr. Dana-Sophia Valentiner (HSU/UniBw H) und Prof. Dr. Anne-Kristin Kuhnt (Universität Rostock) an. Im Rahmen der Tagung brachten sie Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft zusammen, um über reproduktive Gerechtigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven zu diskutieren.

In Keynotes, Panels und Repro Labs standen unter anderem die Regelungen des § 218 StGB, medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche, bestehende Zugangsbarrieren, die aktuelle Versorgungslage sowie gesellschaftliche und politische Dimensionen reproduktiver Rechte im Mittelpunkt. Die Beiträge aus Rechts-, Sozial- und Gesundheitswissenschaften verdeutlichten, wie eng rechtliche, medizinische und gesellschaftliche Aspekte miteinander verknüpft sind.

Dabei wurde immer wieder die Frage diskutiert, unter welchen Bedingungen Menschen tatsächlich selbstbestimmte Entscheidungen über ihren Körper treffen können. Das Konzept der reproduktiven Gerechtigkeit erweitert die Perspektive auf reproduktive Rechte, indem es neben rechtlichen Ansprüchen auch soziale, gesundheitliche und strukturelle Rahmenbedingungen berücksichtigt.

Wissenschaftliche und persönliche Perspektiven

Ergänzt wurden die wissenschaftlichen Beiträge durch Perspektiven aus Journalismus und Zivilgesellschaft. Ein besonderer Programmpunkt war die Lesung der Autorin und feministischen Journalistin Sibel Schick an der Bucerius Law School. Aus ihrem Buch „Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen“ heraus thematisierte sie gesellschaftliche Erwartungen, Erfahrungen von Betroffenen und die Bedeutung körperlicher Selbstbestimmung.

Raum für wissenschaftlich fundierte Debatten

Die Tagung machte deutlich, dass Schwangerschaftsabbrüche weiterhin ein gesellschaftlich sensibles Thema sind. Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch in Anspruch nehmen möchten, begegnen vielerorts noch immer rechtlichen Hürden, Versorgungslücken und sozialer Stigmatisierung.

Umso wichtiger sind Räume, in denen Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft miteinander ins Gespräch kommen. Der interdisziplinäre Austausch zeigte, dass Fragen reproduktiver Rechte nicht ausschließlich als juristische oder gesundheitspolitische Herausforderungen verstanden werden können, sondern zugleich Fragen gesellschaftlicher Teilhabe und Gerechtigkeit berühren.