Als am 11. September 2001 islamistische Terroristen vier Passagierflugzeuge entführten und zwei davon in die Türme des World Trade Centers sowie eine weitere Maschine in das Pentagon steuerten, veränderte sich das sicherheitspolitische Denken des Westens grundlegend. Terrorismus rückte ins Zentrum internationaler Politik, die NATO rief erstmals den Bündnisfall aus, und der Afghanistan-Einsatz wurde zum prägendsten Auslandseinsatz der Bundeswehr. Ein Vierteljahrhundert später hat sich die Welt erneut verändert.
Zum 25. Jahrestag von 9/11 spricht Dr. Sascha Hach von der Professur für Politikwissenschaft, insbesondere internationale Sicherheitspolitik und Konfliktforschung an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg über die langfristigen Folgen der Anschläge und deren Bedeutung für die heutige Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

Ein Blick aus Wissenschaft und Praxis
Die Folgen der Anschläge am 11. September 2001 begleiteten Dr. Sascha Hach bereits früh in seinem wissenschaftlichen Werdegang. Während seines Studiums der Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Tübingen und der Fletcher School of Law and Diplomacy beschäftigte er sich intensiv mit den politischen und sicherheitspolitischen Auswirkungen von 9/11.
Als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag bereitete er unter anderem die Arbeit des Verteidigungsausschusses sowie des Unterausschusses Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung vor. Dabei befasste er sich auch mit Fragen der Terrorismusbekämpfung, insbesondere im Bereich der nuklearen Sicherheit.
Im Abgeordnetenbüro war er außerdem für den Afghanistan-Einsatz zuständig. Er verfasste Bundestagsreden, wirkte an parlamentarischen Initiativen mit und betreute den Untersuchungsausschuss zur Kundus-Affäre. Seine Perspektive verbindet damit wissenschaftliche Analyse mit praktischen Erfahrungen aus der Sicherheitspolitik. Für ihn haben die Anschläge nicht nur die Vereinigten Staaten erschüttert, sondern das Sicherheitsverständnis westlicher Gesellschaften dauerhaft verändert.

Ein neues Bewusstsein für die eigene Verwundbarkeit
Um zu verstehen, warum 9/11 bis heute nachwirkt, muss man sich die damalige Wahrnehmung der Anschläge vor Augen führen. Angegriffen wurden nicht nur mehrere Tausend Menschen, sondern auch Orte mit großer symbolischer Bedeutung: Das World Trade Center stand für die wirtschaftliche Stärke der USA, das Pentagon für ihre militärische Macht.
Für Dr. Sascha Hach liegt darin ein Grund für die tiefgreifende Wirkung der Anschläge:
„Die Bilder der einstürzenden Türme des World Trade Centers, der aus den Fenstern in den Abgrund springenden Menschen und des brennenden Pentagons haben sich tief in das amerikanische und westliche Gedächtnis eingebrannt. Dass diese symbolträchtigen und als sicher wahrgenommenen Orte derart angegriffen werden konnten, hat das Bewusstsein für die Verwundbarkeit offener Gesellschaften durch den internationalen Terrorismus für lange Zeit geschärft.“
Die sicherheitspolitischen Folgen von 9/11 waren schnell auch im Alltag der Menschen sichtbar. Flughäfen wurden stärker gesichert, öffentliche Einrichtungen besser geschützt und die Befugnisse von Sicherheits- und Nachrichtendiensten ausgeweitet. Dadurch rückten innere und äußere Sicherheit enger zusammen und ließen sich weniger klar voneinander trennen als zuvor.
„In der kritischen Sicherheitsforschung wird die Ausweitung außergewöhnlicher Sicherheitsmaßnahmen auf immer mehr gesellschaftliche Bereiche als ‚Securitization‘ bezeichnet. Maßnahmen, die zunächst mit einer besonderen Gefahrenlage begründet werden, können sich demnach verfestigen und dauerhaft Teil des politischen und gesellschaftlichen Alltags werden“, erklärt Dr. Hach.
Der erste Bündnisfall in der Geschichte der NATO
Auf die Anschläge folgten zugleich Entscheidungen mit weltpolitischen Folgen. Nachdem die Verantwortung von Al-Qaida bestätigt worden war, rief die NATO erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrags aus. Kurz darauf begann mit der Operation „Enduring Freedom“ die militärische Intervention in Afghanistan. Für NATO, Bundeswehr und die internationale Sicherheitspolitik markierte dies den Beginn einer neuen Phase.
„Die Anschläge waren seit Pearl Harbour der größte und tödlichste Angriff auf die Vereinigten Staaten und zugleich richteten sie sich gegen den gesamten Westen. Noch bevor die NATO erstmals in ihrer Geschichte den Bündnisfall nach Art. 5 ausrief, erklärte die deutsche Bundesregierung ihre ‚uneingeschränkte Solidarität‘ – eine außergewöhnlich weitgehende Formulierung in einem noch unübersichtlichen sicherheitspolitischen Kontext mit unabsehbaren Folgen“, resümiert Dr. Hach.
Für die NATO beschleunigten die Anschläge einen Wandel, der bereits nach dem Ende des Kalten Krieges begonnen hatte. Das ursprünglich auf die territoriale Verteidigung gegen einen staatlichen Gegner ausgerichtete Bündnis übernahm zunehmend Aufgaben außerhalb seines eigenen Gebiets und trat als internationaler Krisenmanager auf.
Deutschland beteiligte sich zunächst zurückhaltend an bewaffneten Auslandseinsätzen und nahm erst 1999 im Kosovokrieg an einem Kampfeinsatz teil. Nach 9/11 gewannen internationale Kriseneinsätze für die Bundeswehr zunehmend an Bedeutung. Dabei verfügten aber die USA, Großbritannien und Frankreich laut Hach über wesentlich größere internationale Einsatzerfahrungen als die Bundeswehr.
Afghanistan als prägende Erfahrung für die Bundeswehr
Der Afghanistan-Einsatz wurde zum deutlichsten Ausdruck dieses Wandels. Was als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September begann, entwickelte sich zu einem fast zwanzigjährigen Einsatz und zum längsten sowie mit 59 Gefallenen verlustreichsten Auslandseinsatz in der Geschichte der Bundeswehr.
Neben militärischen Operationen rückten im Laufe der Jahre zunehmend der Aufbau staatlicher Institutionen, die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte und die politische Stabilisierung des Landes in den Mittelpunkt. Viele Soldatinnen und Soldaten sammelten dort Erfahrungen, die die Bundeswehr und ihr Selbstverständnis langfristig prägten.
Doch auch Jahre nach dem Abzug der internationalen Truppen ist die Aufarbeitung nicht abgeschlossen. Dr. Sascha Hach verweist beispielsweise auf neue Erkenntnisse über die Entsendung von Soldaten des Kommandos Spezialkräfte. Nach seinen Angaben wurden sie bereits im November 2001 nach Afghanistan geschickt, bevor ein Mandat des Deutschen Bundestages vorlag. Der Fall berührt damit eine bis heute relevante Frage: Sollte die Bundesregierung in akuten Krisen mehr Handlungsspielraum erhalten oder muss gerade dann die parlamentarische Kontrolle militärischer Einsätze gestärkt werden?
Neben Fragen nach politischer Entscheidungsfindung sieht Hach vor allem strategische Lehren für künftige Einsätze:
„Der plötzliche Abzug der internationalen Truppen im Sommer 2021 machte viele Fortschritte der vorherigen Jahre zunichte. Afghanistan fiel erneut unter die Herrschaft der Taliban zurück, wodurch viele Menschen und vor allem Frauen, grundlegende Freiheiten und Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe verloren. Zugleich wurde deutlich, wie fatal die extreme Abhängigkeit von den USA sein kann und wie wenig sich die Europäer auf sie verlassen können, wenn es dort zu einem grundlegenden Strategie- oder Politikwechsel kommt. Dass das Bündnis unverrichteter Dinge aus dem Land abzog und es sich selbst überließ, dient aber auch als Mahnung vor fehlenden Exit-Überlegungen, ideologischen Pfadabhängigkeiten und mangelnder strategischer Flexibilität. So hat man etwa zu lange damit gewartet, Verhandlungen mit den Taliban aufzunehmen und günstigere Zeitpunkte mit vorteilhafterer Ausgangsposition für das Bündnis verstreichen lassen.“
Die Lehre daraus besteht für Hach nicht darin, internationale Einsätze grundsätzlich auszuschließen. Entscheidend sei vielmehr, ihre Ziele realistisch zu formulieren, politische und militärische Entwicklungen fortlaufend neu zu bewerten und unterschiedliche, auch nicht-militärische Handlungsmöglichkeiten offenzuhalten.
Eine neue sicherheitspolitische Übergangsphase
Die Erfahrungen aus Afghanistan prägen sicherheitspolitische Debatten bis heute. Gleichzeitig hat sich das internationale Umfeld grundlegend verändert. Während nach den Anschlägen vom 11. September vor allem der internationale Terrorismus die politische Agenda bestimmte, stehen heute wieder andere Gefahren im Mittelpunkt:
„Wir erleben einen Roll-Back in eine internationale Sicherheitsordnung, in der zwischenstaatliche Kriege und nationalstaatliche Aggressivität wieder in den Vordergrund gerückt sind. Die Rivalität der Großmächte hat als vorrangiges Sicherheitsrisiko den internationalen Terrorismus und nicht-staatliche Akteure abgelöst, wenn auch nicht ganz verdrängt. Auch die von Nuklearwaffen ausgehende Gefahr spielt eine viel größere Rolle als in den beiden Jahrzehnten vor Beginn des Ukrainekrieges“, ordnet Dr. Hach ein.
Für Deutschland und seine europäischen Partner bedeutet dieser Wandel vor allem, die eigene Verteidigungsfähigkeit wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Damit verbunden ist für Hach eine klare Konzentration auf die Sicherheit des europäischen Kontinents. Zugleich müssten sich die europäischen Staaten weiterhin für das Völkerrecht, den Multilateralismus und eine regelbasierte internationale Ordnung einsetzen.
Europa müsse zudem seine Partnerschaften innerhalb und außerhalb des Kontinents vertiefen und auch dann handlungsfähig bleiben, wenn sich die politischen Prioritäten der USA verändern. Größere sicherheitspolitische Eigenständigkeit bedeute dabei nicht, die Partnerschaft mit Washington ganz aufzukündigen. Sie verlange jedoch, eigene Interessen vertreten und Verantwortung übernehmen zu können. Dazu gehört nach Hachs Einschätzung auch, trotz geopolitischer Spannungen Gesprächs- und Verhandlungskanäle mit Gegnern offenzuhalten. Verteidigungsfähigkeit und Diplomatie seien keine Gegensätze: Militärische Stärke könne Sicherheit gewährleisten, diplomatische Instrumente könnten zugleich Risiken begrenzen, Aufrüstungsspiralen verhindern und Räume für Eskalationskontrolle erhalten.
Warum der Blick zurück wichtig bleibt
25 Jahre nach den Anschlägen haben viele heutige Studierende sowie junge Offizieranwärterinnen und Offizieranwärter den 11. September 2001 nicht selbst erlebt. Die Bilder aus New York gehören für sie zur Geschichte, die sicherheitspolitischen Folgen sind jedoch weiterhin Teil ihrer Gegenwart.
Gerade deshalb lohnt sich für Dr. Sascha Hach der Rückblick. Er zeigt, wie schnell sich politische Prioritäten verändern können und warum eine Bedrohung nicht automatisch verschwindet, sobald eine andere in den Vordergrund rückt:
„Wie nach dem 11. September 2001 befinden wir uns 25 Jahre später in einer Zeit des Übergangs. Zwar wirkt die heutige Zeitenwende auf den ersten Blick ganz anders. Im Rückblick erkennen wir jedoch, dass Bedrohungen nicht einfach verschwinden, nur weil andere Herausforderungen in den Vordergrund treten. Eine Gefahr, die zeitweise aus dem Fokus gerät, kann jederzeit wieder an Bedeutung gewinnen. Deshalb sollte die Konzentration auf bestimmte Fähigkeiten nicht dazu führen, andere wichtige Kompetenzen vollständig abzubauen. Je breiter wir sicherheitspolitisch aufgestellt bleiben, desto flexibler können wir auf Veränderungen reagieren.“
Auch der islamistische Terrorismus sei trotz veränderter Prioritäten nicht verschwunden. Zwar bestimmen heute Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, Cyberangriffe, Desinformation oder Sabotage einen großen Teil der sicherheitspolitischen Debatten. Der Anschlag am Rande des Berliner Christopher Street Days vor wenigen Wochen habe jedoch erneut gezeigt, dass die Gefahr islamistisch motivierter Gewalt nicht gebannt sei.
Gleichzeitig warnt Hach davor, Bedrohungslagen auf einfache Gegensätze zu reduzieren:
„Bei der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus waren gerade zu Beginn Schwarz-Weiß-Denken und Hysterie hinderlich und trugen zu Spaltung und Polarisierung bei. Angesichts der realen hybriden Gefahren heute sollten wir diese Schemata zurückstellen, um Vertrauen und somit eine größere gesellschaftliche Resilienz zu schaffen.“
25 Jahre nach den Anschlägen zeigt der Blick zurück, wie grundlegend 9/11 die NATO, die Bundeswehr und das Verständnis von Sicherheit verändert hat. Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte machen zugleich deutlich: Sicherheitspolitik braucht realistische Ziele, unterschiedliche militärische und diplomatische Handlungsmöglichkeiten sowie eine Gesellschaft, die auch unter dem Eindruck realer Bedrohungen differenziert und widerstandsfähig bleibt.