Wissen, Bildung, Verantwortung: Impulse vom 21. (Aus)Bildungskongress der Bundeswehr

HSU

3. September 2026

Hamburg. Rund 2.600 Teilnehmende haben sich beim 21. (Aus)Bildungskongress der Bundeswehr an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg (HSU/UniBw H) mit Fragen der Resilienz, Bildung und Handlungsfähigkeit in Frieden, Krise und Krieg auseinandergesetzt. 2.352 Gäste nahmen vor Ort teil, weitere 245 Personen verfolgten die Veranstaltung online. Inhaltlich vorbereitet und organisiert wurde der Kongress in Kooperation mit der Abteilung Ausbildung Streitkräfte des Streitkräfteamtes der Bundeswehr (SKA) und dem Bildungszentrum der Bundeswehr (BiZBw).

Als Mitglieder des Kooperationskomitees prägten Präsidentin Marion Felske (BiZBw), Oberst i.G. Dirk Schwede, Abteilungsleiter Ausbildung Streitkräfte im SKA, und Universitätspräsident Prof. Dr. Klaus Bertram Beckmann (HSU/UniBw H) die inhaltliche Ausrichtung des Kongresses. Im Gespräch erläutern sie aus Sicht von Bildung, Ausbildung und Wissenschaft, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um die Handlungs- und Verteidigungsfähigkeit von Bundeswehr, Staat und Gesellschaft nachhaltig zu stärken.

Universitätspräsident Prof. Dr. Klaus Bertram Beckmann (HSU/UniBw H), Präsidentin Marion Felske (BiZBw) und Oberst i.G. Dirk Schwede (SKA) gehören dem Kooperationskomitee des (Aus)Bildungskongresses der Bundeswehr an.

Wissen schafft Sicherheit

Interview mit Universitätspräsident Prof. Dr. Klaus Bertram Beckmann (HSU/UniBw H)

Der diesjährige (Aus)Bildungskongress beschäftigt sich mit gesellschaftlicher Resilienz in Frieden, Krise und Krieg. Welchen Beitrag kann Wissenschaft dazu leisten, die Handlungsfähigkeit von Staat, Bundeswehr und Gesellschaft langfristig zu stärken?

Prof. Beckmann: Wissenschaft lehrt vor allem eines: Entscheidungen nicht allein aus dem Augenblick heraus zu treffen, sondern sie anhand von Modellen systematisch zu reflektieren. Wir bilden Offizierinnen und Offiziere dazu aus, komplexe Zusammenhänge zu analysieren, Annahmen zu überprüfen und auch unter Unsicherheit zu begründeten Urteilen zu gelangen. Dieses wissenschaftliche Handwerkszeug stellen wir ebenso der militärischen Praxis zur Verfügung. Gleichzeitig schafft Forschung konkrete Lösungen. An der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg reicht das Spektrum von Drohnentechnologien und neuartigen Werkstoffen bis hin zu KI- und Datenmodellen. Wissenschaft stärkt damit sowohl die Urteilsfähigkeit der Menschen als auch die technologische Handlungsfähigkeit der Bundeswehr. Genau in diesem doppelten Sinne gilt: Wissen schafft Sicherheit.

Die Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg steht für das Leitmotiv „Wissen schafft Sicherheit“. Was bedeutet dieser Anspruch heute konkret für Forschung, Lehre und den Transfer zwischen Wissenschaft, Bundeswehr und Gesellschaft?

Wissenstransfer ist keine Einbahnstraße. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen ihren Weg in die Praxis finden. Umgekehrt entstehen aus den Erfahrungen und konkreten Bedarfen der Truppe neue und relevante Forschungsfragen. Dieses Wechselspiel ist eine besondere Stärke der Universitäten der Bundeswehr. Unser Transferverständnis erschöpft sich deshalb weder im Erreichen eines bestimmten technologischen Reifegrades noch in der Zahl der Ausgründungen. Entscheidend ist, gemeinsam mit den späteren Nutzerinnen und Nutzern wissenschaftlich fundierte Lösungen zu entwickeln, die einen konkreten Unterschied machen. Sie sollen Fähigkeiten verbessern, die Einsatzbereitschaft stärken und im Ernstfall Leben schützen. „Wissen schafft Sicherheit“ ist für uns daher kein abstrakter Leitsatz, sondern ein konkreter Auftrag für Forschung, Lehre und Transfer.

In Ihrem jüngsten Beitrag zur Zukunft der Offizierausbildung betonen Sie die Bedeutung wissenschaftlicher Bildung für militärische Führungskräfte. Welche Kompetenzen benötigen Offizierinnen und Offiziere künftig, um in einer von Unsicherheit, technologischen Umbrüchen und hybriden Bedrohungen geprägten Welt Verantwortung übernehmen zu können?

Ich fasse diese Kompetenzen in meinen „Big Four“ zusammen: Denken in Modellen, taktische und technische Kreativität, der souveräne Umgang mit Risiko und Ambiguität sowie die Fähigkeit, Behauptungen, vermeintliche Gewissheiten und auch die eigenen Annahmen kritisch zu hinterfragen. Offizierinnen und Offiziere müssen Routinen und Verfahren sicher beherrschen. Zugleich müssen sie erkennen können, wann diese nicht mehr tragen. Moderne militärische Führung verlangt deshalb beides: professionelles Können und eigenständige Urteilskraft. Gerade in komplexen und dynamischen Lagen kommt es darauf an, widersprüchliche Informationen einzuordnen, Desinformation zu erkennen und auch unter Zeitdruck verantwortbare Entscheidungen zu treffen. Wissenschaftliche Bildung schafft hierfür das intellektuelle Fundament.

Gesamtverteidigung erfordert das Zusammenwirken von Bundeswehr, Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Welche Rolle können Hochschulen dabei übernehmen, dieses Zusammenspiel zu fördern und gesellschaftliche Vorsorge zu stärken?

Die Universitäten der Bundeswehr nehmen hier eine besondere Rolle ein. Sie verbinden wissenschaftliche Exzellenz mit den Anforderungen von Sicherheit und Verteidigung und schaffen damit eine Brücke zwischen Wissenschaft, Streitkräften und Gesellschaft. Wenn es die Universitäten der Bundeswehr nicht bereits gäbe, müsste man sie erfinden. Ich sehe die beiden Universitäten der Bundeswehr als zentrale Quelle wissenschaftlicher Innovation und interner Beratung in der Bundeswehr. Zugleich sind sie Orte, an denen wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen, sicherheitsrelevante Fragestellungen untersucht und neue Lösungen für die Herausforderungen von Sicherheit und Gesamtverteidigung entwickelt werden.

Der Gründungsgedanke der Universitäten der Bundeswehr war es, wissenschaftliche Bildung mit der Ausbildung verantwortungsvoller Führungspersönlichkeiten zu verbinden. Warum ist dieser Ansatz aus Ihrer Sicht heute vielleicht sogar wichtiger als zum Zeitpunkt der Gründung?

Der Gründungsgedanke ist heute mindestens ebenso relevant wie damals. Bei der Gründung der Universitäten der Bundeswehr ging es auch darum, qualifizierte junge Menschen für die Offizierlaufbahn zu gewinnen und das Offizierkorps fest in Wissenschaft und Gesellschaft zu verankern. Heute steht die Bundeswehr erneut vor einem ambitionierten Aufwuchs. Ein anspruchsvolles wissenschaftliches Studium bleibt deshalb ein wichtiger Bestandteil einer attraktiven und zukunftsfähigen Offizierlaufbahn. Gleichzeitig haben sich die Anforderungen an militärische Führung erheblich gewandelt. Technologische Umbrüche, hybride Bedrohungen und die zunehmende Geschwindigkeit von Veränderungen machen es unmöglich, Offizierinnen und Offiziere durch feste Wissensbestände auf jede spätere Situation vorzubereiten. Sie müssen vielmehr lernen, sich neue Themen selbstständig zu erschließen, komplexe Lagen zu analysieren und unter Unsicherheit verantwortlich zu handeln. Dabei stehen militärische Ausbildung und wissenschaftliches Studium nicht in Konkurrenz zueinander. Sicher beherrschte Verfahren schaffen den notwendigen Freiraum für Denken, Kreativität und Urteilskraft, wenn Routinen nicht mehr ausreichen. Truppenführung verlangt nicht nur Fachwissen, sondern auch Kunst, Charakter und geistige Beweglichkeit. Genau darauf bereitet anspruchsvolle universitäre Bildung vor. Sie ist daher kein Zusatz zur Offizierausbildung, sondern eine wesentliche Voraussetzung moderner militärischer Führung.


Bildung als Grundlage gesellschaftlicher Resilienz

Interview mit Präsidentin Marion Felske (BiZBw)

In Ihrer Keynote sprechen Sie von einem „wehrhaften Mindset“. Was verstehen Sie darunter konkret, und warum ist diese Haltung aus Ihrer Sicht heute so wichtig für die Handlungsfähigkeit von Staat und Gesellschaft?

Seit Ende des kalten Krieges haben sich Verständnis und Vorstellung im Hinblick auf globale, aber auch militärische Konflikte im eigenen Land oder an unseren Landesgrenzen grundlegend geändert. Eine mentale Grundeinstellung (Mindset) mit der alle gesellschaftlichen Schichten verbindenden Erkenntnis, dass unser Erfolgsmodell der demokratischen Nachkriegsordnung im Fall einer Gefährdung mit allem Nachdruck zu verteidigen ist, stellt eine Grundvoraussetzung für ein wehrhaftes Mindset dar.

Eine starke Armee ist das beste Mittel, um Kriege zu verhindern. Gesellschaftlich geht es daher um die Bereitschaft, etwas zur Sicherheit unseres Landes beizutragen. Daneben steht das vorhandene Mindset der Bundeswehrangehörigen im Fokus. Die Angehörigen der Bundeswehr müssen sich ganzheitlich auf die Vielfalt und Komplexität der neuen, zum Teil ganz anderen und sich zudem schnell ändernden Herausforderungen im Kontext der Landes- und Bündnisverteidigung ausrichten. Denn wenn eine Großorganisation schnell wächst, während sie unter dynamisch verlaufenden Rahmenbedingungen ihre Aufgaben, Strukturen und Verfahren anpasst, fordert dies die Menschen und das System in einem extremen Maße. Hier kommt der Bildung eine Schlüsselrolle zu. Denn Bildung schafft die Voraussetzungen dafür, Komplexität zu erfassen, Unsicherheit auszuhalten, rechtssicher zu handeln, Verantwortung zu übernehmen und in Krisenlagen tragfähige Entscheidungen zu treffen.

Die Bundeswehr steht vor einem personellen Aufwuchs. Welche Rolle spielen Aus-, Fort- und Weiterbildung dabei, Menschen auf die Anforderungen von Frieden, Krise und Konflikt vorzubereiten?

Fachlich kompetentes und motiviertes Personal ist eine zentrale Voraussetzung für die effiziente und erfolgreiche Bewältigung sämtlicher Aufgaben der Bundeswehr. Im Bereich der fachlichen Qualifizierung wird das Personal für die Wahrnehmung unterschiedlichster Aufgaben, wie beispielsweise in den Bereichen Personal, Infrastruktur und Ausrüstung befähigt. Daneben stellen Innovationen höchste Anforderungen an unser Personal. Der technologische Fortschritt – wie beispielsweise im Bereich der künstlichen Intelligenz – generiert spezifische Qualifizierungsbedarfe. Auch eine Modernisierung entfaltet nur dann ihre volle Wirkung, wenn das Personal auch für die Aufgaben exzellent ausgebildet und kontinuierlich weiterqualifiziert wird.

Neben der fachlichen Qualifizierung im Rahmen der Aus-, Fort- und Weiterbildung spielt gerade in krisen- und konfliktbehafteten Situationen die Vermittlung von sozialen und persönlichen Kompetenzen für alle Angehörigen der Bundeswehr eine zentrale Rolle. Verantwortungsbewusstes und werteorientiertes Handeln sind die Voraussetzung für eine resiliente Bundeswehr. Sämtliche Veränderungsprozesse sind dabei vorrangig durch unsere Führungskräfte zu gestalten, weshalb auch die Führungskräftequalifizierung in den Fokus rückt. Die Aus-, Fort- und Weiterbildung ist damit in allen Gefährdungslagen ein strategischer Erfolgsfaktor für eine leistungsfähige Bundeswehr.

Der Kongress bringt Akteurinnen und Akteure aus Bundeswehr, Wissenschaft, Wirtschaft und Bildung zusammen. Warum kann gesellschaftliche Resilienz nur gemeinsam gestärkt werden?

Weil angesichts der gegenwärtigen Bedrohungslagen nur eine gesamtgesellschaftliche Resilienz das Fundament für die Fortexistenz unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung bildet. Es muss möglichst in allen gesellschaftlichen Schichten in der Bevölkerung ein verbindlicher Konsens Voraussetzung dafür sein, dass bei hybriden Bedrohungslagen, aber auch offenen Kampfhandlungen jede Bürgerin und jeder Bürger unseres Landes, ob in der Industrie, im Handel, Handwerk oder in der Wirtschaft, in der Verwaltung, in der Wissenschaft und Lehre, im Dienstleistungssektor oder in der Bundeswehr beschäftigt, im eigenen Wirkungsbereich Haltung zeigen muss. Nur ein gemeinsamer Weg führt zu einer erfolgreichen Wehrhaftigkeit und Verteidigung unseres Landes und der Länder unserer Bündnispartner. Und dieses Verständnis muss im Verteidigungsfalle funktionieren. Die Signale einer wehrhaften und verteidigungsbereiten Demokratie müssen allen Aggressoren bewusst eindrucksvoll aufgezeigt werden, und das nicht nur auf der Packungsbeilage von bloßen Absichtserklärungen, damit Abschreckung wirkungsvoll garantiert werden kann.


Ausbildung für Aufwuchs, Krise und Landes- und Bündnisverteidigung

Interview mit Oberst i.G. Dirk Schwede, Abteilungsleiter Ausbildung Streitkräfte (SKA)

Sie schreiben in ihrem Grußwort, dass das Ausbildungssystem der Bundeswehr resilient und skalierbar ausgelegt sein muss. Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen bei der Weiterentwicklung dieses Systems?

Die Bundeswehr entwickelt ihr Ausbildungssystem derzeit weiter, um den Anforderungen von Aufwuchs sowie Landes- und Bündnisverteidigung gerecht zu werden. Erste Untersuchungen zeigen, dass es sinnvoll ist, künftig wieder verstärkt direkt in der Truppe auszubilden. Viele Ausbildungsstrukturen sind bislang jedoch noch zentral organisiert. Eine wichtige Aufgabe besteht deshalb darin, die Truppe stärker zu befähigen, selbst auszubilden. Dabei werden Simulatoren und andere technologiegestützte Ausbildungsmöglichkeiten zunehmend an Bedeutung gewinnen. Sie ermöglichen eine realitätsnahe Ausbildung, ohne die Systeme zu belasten, die anschließend für Auftrag und Einsatz bereitstehen müssen.

Mit „Train While You Fight“ beschreiben Sie einen Ansatz, bei dem Lernen und Auftragserfüllung immer enger zusammenrücken. Welche Veränderungen ergeben sich daraus für die Ausbildungspraxis der Bundeswehr?

Im Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung müssen wir neue Erkenntnisse möglichst schnell bis in die Truppe bringen und umsetzen können. „Train While You Fight“ zählt zu den wesentlichen Lehren aus dem Krieg in der Ukraine. Dort kann Personal weder regelmäßig ausgetauscht noch aus dem Einsatz herausgelöst werden. Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Gefecht fließen deshalb unmittelbar in die Ausbildung ein. Wenn sich beispielsweise die Angriffstaktiken der russischen Streitkräfte verändern, muss auch die Verteidigung entsprechend angepasst werden. Gleichzeitig verändern sich Technologien und Taktiken immer schneller. Deshalb stellen wir die Ausbildungsverfahren bereits heute um und treiben die Digitalisierung der Ausbildung voran. Neue Themen wie die Drohnenabwehr oder der Einsatz unbemannter Systeme gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung. Der technologische Wandel wird die Ausbildung der Streitkräfte in den kommenden Jahren maßgeblich prägen.

Welche Rolle spielen digitale Lernplattformen und technologiegestützte Ausbildung für die Zukunft der Ausbildung in der Bundeswehr?

Digitale Lernplattformen und technologiegestützte Ausbildung sind aus meiner Sicht ein zentraler Baustein für die Zukunftsfähigkeit und Resilienz unseres Ausbildungssystems. Je mehr Ausbildungsinhalte unabhängig von einzelnen Standorten verfügbar sind, desto robuster wird das Gesamtsystem. Ein wichtiger Schritt ist dabei die virtuelle Lernumgebung der Bundeswehr. Es ermöglicht Lerninhalte flexibel bereitzustellen und Ausbildung stärker in die Fläche zu bringen. Gleichzeitig helfen Simulatoren und digitale Ausbildungsumgebungen dabei, Fähigkeiten effizient zu vermitteln und Ausbildungskapazitäten zu erweitern. Dass wir bei neuen Themen bereits Fortschritte erzielen, zeigt beispielsweise die Drohnenausbildung. In vielen Bereichen sind wir auf einem guten Weg. Zugleich wird es noch Zeit benötigen, die Ausbildung weiter anzupassen und die Truppe umfassend in die Lage zu versetzen, selbst auszubilden. Entscheidend ist, dass wir die Grundlagen heute schaffen, um auch künftig schnell, flexibel und wirksam qualifizieren zu können.