Netzwerk MMMR – 3. Arbeitstreffen

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Interdisziplinäres Netzwerk zu Methodologie und
Anwendungsfeldernmethodenintegrativer Forschung

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Videos ausgewählter Beiträge werden in kürze hier verfügbar sein.

Vom 17. bis 19. Januar 2019 fand an der Technischen Universität Berlin das dritte Arbeitstreffen des Netzwerks MMMR zum Thema „MMMR Sampling, Datenerhebung und Datenkombination“ statt. An der in Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich Re-Figuration von Räumen (SFB 1265) sowie dem Graduiertenkolleg Innovationsgesellschaft heute (GRK 1672) organisierten Tagung nahmen neben den ständigen Netzwerkmitgliedern auch Gäste der TU-Berlin teil. Eine besondere Bereicherung des Konferenzprogramms stellten die Beiträge der  internationalen Gastwissenschaftler Lisa D. Pearce (University of North Carolina) und Nigel Fielding (University of Surrey) dar, deren Keynote-Vorträge von einer interessierten Hochschulöffentlichkeit wahrgenommen wurden, darunter zahlreiche Studierende und Doktorand_innen.

Nigel Fielding gab in seiner Keynote zunächst einen umfassenden Überblick über etablierte Sampling-Strategien methodenintegrativer Forschung. Hierbei fokussierte er insbesondere auf die Erklärung oder Vertiefung von Ergebnissen mittels der Analyse von Extremfällen und „Critical Cases“. Im weiteren Verlauf der Präsentation ging Fielding auf neuere Entwicklungen bzgl. Datenarten und Erhebungsverfahren in methodenintegrativer Forschung ein, insbesondere auf die Potentiale einer systematischen Nutzung von GIS (Geographical Information Systems) und räumlichen Daten in Kombination mit computergestützter qualitativer Datenanalyse. Fielding schloss mit einem Ausblick auf aktuelle Trends in der Datenerhebung, wie etwa die von Giampietro Gobo vorgeschlagenen „Merged Methods“, aber auch bereits etablierte Verfahren wie bspw. die Delphi-Methode oder Formen von „Citizen Science“, d.h. die systematische Kollaboration zwischen akademischen und außerakademischen Forscher_innen.

Lisa D. Pearce stellte zu Beginn ihrer Keynote das Konzept der “Positions of Inquiry” vor, das auf eine genauere Beschreibung und (Selbst-)Reflexion der methodologischen Verortung methodenintegrativer Forscher_innen zielt. Mit dieser Konzeption reagiert Pearce auf Probleme des populären Modells eines Kontinuums zwischen „rein qualitativen“ und „rein quantitativen“ Studien, auf dem MMR-Designs hinsichtlich ihrer methodischen Komposition eingeordnet werden. Besser als durch eine Mischung aus „rein“ qualitativen und „rein“ quantitativen Ansätzen, so argumentierte Pearce, lasse sich die Anlage methodenintegrativer Forschung als eine komplexe Komposition verschiedener methodologischer Positionierungen begreifen, die quer zur qualitativ/quantitativ-Unterscheidung lägen. In Bezug auf MMR-Samplingstrategien hob Pearce die gezielte Suche nach abweichenden Fällen als besonders produktive Option hervor: Nach Entwicklung eines ersten Modells zur Beschreibung oder Erklärung von Daten, seien gerade solche Fälle für weitere Analysen produktiv, die den Modellannahmen am schlechtesten entsprechen.

Nina Baur (TU-Berlin) rückte in ihrem Vortrag die Operation des „Casing“, d.h. die genaue, theoriegeleitete Definition von Untersuchungseinheiten, als ersten und grundlegendsten Schritt jeder Sampling-Strategie in den Fokus. Das Bemühen um eine solche exakte Bestimmung von Fällen ex ante legt Baur zufolge eine Revision etablierter Rang- und Reihenfolgen qualitativer und quantitativer Fallauswahlstrategien in MMR-Designs nahe. So müsse die in methodenintegrativer Forschung häufig anzutreffende Priorisierung quantitativer Auswahlstrategien überdacht werden, um die Stärken qualitativer Ansätze bei der Exploration von Feld und Population im Sinne des „Casing“ nutzen und so potentiell die Validität auf Sampling-Ebene steigern zu können.

Ausgehend von einer umfassenden Darstellung der aktuellen Forschungsliteratur zu MMMR-Sampling-Strategien entwickelte Margrit Schreier (Jacobs-University Bremen) eine kritische Perspektive auf die etablierten Fallauswahl-Typologien. Ein wesentlicher Kritikpunkt war dabei die häufig als unproblematisch vorausgesetzte Unterscheidung von gezielter Fallauswahl („Purposive Sampling“) und „Convenience Sampling“: Tatsächlich, so zeigte Schreier, sind die meisten Strategien gezielter Fallauswahl – sowie teilweise auch Zufallsauswahlen – in ihrer praktischen Realisierung durch Convenience-Sampling-Elemente gekennzeichnet, was hinsichtlich der methodischen Konsequenzen aber selten reflektiert werde.

Felix Knappertsbusch (HSU Hamburg) stellte ein Forschungsdesign zu einem geplanten systematischen Review empirischer MMMR-Studien vor. Knappertsbusch zufolge zeigen die Ergebnisse existierender Review-Studien, dass methodenintegrative Designs zwar in einer Vielzahl unterschiedlicher Fachdisziplinen genutzt werden, die Referenzen zur aktuellen MMMR-Methodenliteratur dabei aber überwiegend gering ausgeprägt sind. Eine systematische, interdisziplinär vergleichende Studie zum aktuellen Gebrauch von MMMR-Designs verspricht eine engere Verknüpfung von Methodendiskurs und Forschungspraxis zu befördern. Hierbei werden insbesondere auch wissenschaftssoziologische und –philosophische Aspekte zu berücksichtigen sein, wie etwa die Differenzierung zwischen der in Publikationen präsentierten „reconstructed logic“ und der im Forschungsprozess tatsächlich verwendete „logic-in-use“ (Kaplan) methodenintegrativer Forschung.

Gerald Leppert (DEval) stellte Kernelemente der am Deutschen Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit verwendeten MMR-Designs vor. Am Beispiel einer abgeschlossenen Evaluationsstudie demonstrierte er die Bedeutung eines detaillierten theoretischen Rahmenkonzeptes („Theory of Change“) für die jeweils untersuchten Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, sowie die Vorzüge einer Integration qualitativer Interview- und Dokumentenanalysen in die standardisierten Sampling- und Erhebungsverfahren quasi-experimenteller Designs. So können nicht-standardisierte Befragungen und Feldbeobachtungen bspw. zur Identifikation nicht antizipierter kausaler Faktoren dienen oder die Überprüfung einer Fallauswahlstrategie für Kontrollgruppen unterstützen.

HSU

Letzte Änderung: 18. Februar 2019