Netzwerk MMMR – 2. Arbeitstreffen

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Anwendungsfeldernmethodenintegrativer Forschung

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Vom 5.  bis 7. Juli 2018 fand das zweite Arbeitstreffen des Netzwerkes „Mixed Methods und Multimethod Research“ an der Universität zu Köln statt.

Videos ausgewählter Beiträge sind hier verfügbar.

15 Netzwerkmitglieder sowie deutschsprachige und internationale Gastwissenschaftler_innen nahmen vom 5. bis 7. Juli 2018 am zweiten Workshop des wissenschaftlichen Netzwerks zum Thema „Mixed Methods and Multimethod Research for Causal Analysis“ an der Universität zu Köln teil.

Neben unterschiedlichen Methodentraditionen und Disziplinen standen bei diesem Treffen auch unterschiedliche Kausalitätsauffassungen im Fokus der Diskussion. Dies spiegelte sich nicht zuletzt in der Wahl der internationalen Gastwissenschaftler: Mit Gary Goertz (University of Notre Dame, Indiana) durfte das Netzwerk einen der aktuell profiliertesten Vertreter fallbasierter und mengentheoretischer Methoden in der vergleichenden Politikwissenschaft begrüßen, während Joseph Maxwell (George Mason University, Viginia), in Erziehungswissenschaften und Anthropologie verortet, Kausalität und Methodenintegration aus der Perspektive einer interpretativ geprägten qualitativen Sozialforschung beleuchtete. Mit Thomas Wencker und Gerald Leppert wurde das Treffen zudem durch zwei Wissenschaftler des Deutschen Evaluierungsinstituts der Entwicklungszusammenarbeit und damit um eine dezidiert anwendungsorientierte Perspektive auf Mixed Methods bereichert. Nina Baur (TU Berlin) präsentierte eine methodologische Kritik gegenwärtiger Erklärungsmodelle in der quantitativ geprägten Sozialforschung.

Gary Goertz‘ führte in seinem Keynote-Vortrag zunächst das Konzept der kausalen „research triad“ ein (Goertz 2017), das multimethodische Forschung als Verknüpfung multipler kausaler Inferenzen bestimmt. Ausgehend von einem Kausalitätsverständnis, das die Höherstufigkeit singulärer Kausalereignisse, d.h. partikularer Ursache-Wirkungs-Verkettungen, gegenüber generalisierten Kausalaussagen annimmt, integriert dieses Dreiecksmodell Fallstudien zur Entwicklung lokaler Kausalhypothesen, die Modellierung kausaler Mechanismen zur Erklärung beobachteter Kausalketten, und fallvergleichende Analysen zur Prüfung der Geltungsreichweite entwickelter Modelle. Hinsichtlich der Forschungspraktischen Anwendung der „research triad“ wurden insbesondere Auswahlstrategien für die Selektion relevanter Fallstudien diskutiert. Hierbei wurde die Praxis des „selecting on the dependent variable“ – entgegen weit verbreiteter Expertenmeinungen, die darin einen methodischen Fehler sehen (King/Keohane/Verba 1994) – als wichtige und häufig gewählte Strategie in qualitativer Forschung beschrieben: Um kausale Mechanismen zu analysieren, müssten gezielt v.a. solche Fälle selektiert werden, die sowohl die angenommene Ursache, als auch die angenommene Wirkung zeigen.

Besonders bemerkenswert ist an Maxwells methodologischem Modell, dass hier die Unterscheidung qualitativer vs. quantitativer Methoden zugunsten der Unterscheidung von fallbezogenen vs. fallvergleichenden Verfahren fallengelassen wird. Multimethodische Forschung erscheint so primär als „multicausal inference“, und nicht als Kombination qualitativer und quantitativer Forschungstraditionen.

Dagegen orientierte sich Joe Maxwell in seiner Keynote-Präsentation an einem Konzept qualitativer Sozialforschung, das die symbolisch-interaktionistischen und ethnographischen Ursprünge qualitativer Methoden betont, und sich damit nicht nur gegen statistische Large-N-Forschung, sondern auch gegen stärker formalisierte qualitative Verfahren (QCA, Process Tracing) abgrenzt. An zentraler Stelle stand dabei die interpretative Komponente qualitativer Methoden und die subjektorientierte Analyse von Sinnkonstruktionen. Die besondere Stärke interpretativer Verfahren bei der Analyse von Kausalität liegt Maxwell zufolge in der Analyse subjektiver Wahrnehmungsmuster und Intentionen, die sich aufgrund ihrer situativen Flexibilität und historisch-diachronen Wandelbarkeit der Formulierung kausaler Gesetzmäßigkeiten entziehen. Gerade bei der sozialwissenschaftlichen Analyse kausaler Mechanismen, etwa der Evaluation gesellschaftspolitischer Interventionsprogramme, werde diese Komponente in quantifizierenden, an durchschnittlichen Treatment-Effekten interessierten Forschungsdesigns (v.a. RCTs) aber systematisch unterbelichtet – oft zu Ungunsten der Validität und des Anwendungsbezugs der gezogenen Schlussfolgerungen.

Hierbei ist zu betonen, dass Maxwells Modell qualitativer und methodenintegrativer Forschung sich nicht nur von dominanten Varianten quantitativer Methoden, sondern auch von einer populären Auffassung qualitativer Forschung abgrenzt, deren Kritik „positivistischer“ Forschungsparadigmen oftmals mit einer generellen Ablehnung des Kausalitätsbegriffs einhergeht – exemplarisch etwa in den einflussreichen Schriften von Yvonna Lincoln und Egon Guba vertreten (Lincoln/Guba 1985). Auch und gerade gegenüber einer solchen Auffassung interpretativer Forschung seien die Stärken qualitativer Verfahren für eine sozialwissenschaftliche Kausalanalyse zu betonen.

Die gemeinsame Diskussion der Keynote-Beiträge war u.a. geprägt durch Fragen nach dem Verhältnis der Kausalitätsverständnisse von Goertz (kausale Mechanismen) und Maxwell (kausale Prozesse), und deren möglicher Konvergenz angesichts erheblicher Unterschiede in der methodischen Rahmung. Zudem wurden Fragen der Abgrenzung von fallbasierten und fallvergleichenden Methoden und die damit zusammenhängenden Probleme der Definition von Fällen diskutiert, etwa die Frage nach der Verortung sozialwissenschaftlicher Laborexperimente in Goertz‘ „research triad“.

Der Nachmittag des ersten Workshop-Tages wurde zur Diskussion eines Netzwerkinternen Verständnisses methodenintegrativer Forschung sowie zur Planung von gemeinsamen Forschungsprojekten der Mitglieder genutzt. Bei der Entwicklung eines „Mission Statement“ für das Netzwerk wurde ein inklusives Verständnis von Mixed Methods und Multimethod-Forschung formuliert, das die Potentiale methodenintegrativer Forschung betont, ohne dabei programmatische Geschlossenheit zu beanspruchen oder gar ein eigenständiges „drittes Paradigma“ begründen zu wollen. Stattdessen wurde MMMR als Ort des Dialogs und der konstruktiven Kritik zwischen unterschiedlichen Methodentraditionen definiert. Hierbei wurde wiederholt die vielfache Zergliederung methodenintegrativer Forschung in unterschiedliche disziplinäre, methodologische und regionale Teilbereiche sowie die häufig nur ungenügend ausgeprägte Kommunikation zwischen diesen problematisiert.

Zukünftige MMMR-Projekte sollten sich daher, so die Kernidee eines der diskutierten Forschungsvorhaben, verstärkt im Bereich von Überblicksdarstellungen und Metaanalysen bestehender (methodenintegrativer) Forschungspraxis bewegen. Die daraus resultierenden Beiträge zu einer „methodological ethnography“ (Goertz) des MMMR-Feldes versprechen nicht nur einen umfassenden, empirisch-begründeten Überblick über gegenwärtige Forschungspraxen zu geben, sondern zudem auch eine Basis- und Brückenfunktion für den Ausbau methodologischer Diskurse, die Disziplinen und Forschungsfelder überspannen.

Als weiteres wichtiges Forschungsfeld, das zu einem solchen Austausch beitragen kann, wurde eine systematische Auseinandersetzung mit MMMR in der sozialwissenschaftlichen Methodenlehre diskutiert. Auch Möglichkeiten der Entwicklung von mixed-methods-spezifischer Datenanalysesoftware wurden eruiert: Während aktuelle Programme methodenintegrative Funktionen üblicherweise als Ergänzung zu einer bestehenden QDA- oder Statistiksoftware implementieren, könnten zukünftige Softwareanwendungen gleichgewichtete qualitative und quantitative Programmfunktionen beinhalten.

Das Programm des zweiten Workshop-Tages bot zwei weitere Fachvorträge: Nina Baur (TU Berlin) berichtete aus ihrer laufenden Forschung zur Kritik quantitativer Modelle sozialwissenschaftlicher Erklärung. Anhand zentraler Methodenprobleme, wie etwa dem Prozesscharakter sozialer Phänomene, der Berücksichtigung verschiedener „Zeitschichten“ (Koselleck 2003) in Zeitreihenanalysen, und der Verknüpfung von mikro- und makrosoziologischen Perspektiven, wurden die fortdauernden Schwierigkeiten bei der Integration einer interpretativen Perspektive in die methodologischen und wissenschaftstheoretischen Grundlagen empirischer Sozialforschung diskutiert.

Gerald Leppert und Thomas Wencker ergänzten das Workshop-Programm durch Einblicke in die angewandte und methodologische Forschungsarbeit des Deutschen Evaluierungsinstituts der Entwicklungszusammenarbeit. Gerald Leppert präsentierte ein komplexes Forschungsprojekt zur Evaluation eines Programmes zur Landnutzungsplanung auf den Philippinen, in dem ein Feldexperiment mit Dokumentenanalysen, Geoinformationsdaten und qualitativen Interviews kombiniert wurde. Thomas Wencker gab einen Überblick über seine aktuellen methodologischen Arbeiten zur Unterscheidung begrifflich-konstituierender und kausaler Faktoren in sozialwissenschaftlicher Forschung, sowie zum Begriff der Invarianz bei der Konzeption von kausalanalytischen Forschungsdesigns.

HSU

Letzte Änderung: 20. August 2018