1966–2026: ›Erziehung nach Auschwitz‹

Einladung zum Workshop

[25. Juni 2026 | 10.00 bis 16.00 Uhr | M01.0001]

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»Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.
Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu
müssen noch zu sollen.« – Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz‹, 1966

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Wenn heute wieder Faschisten in den Parlamenten sitzen, Synagogen angegriffen werden und mitunter offen proklamierte Menschenverachtung regiert, ist fraglich, ob die von Adorno vor sechzig Jahren formulierte »allererste« Forderung an Erziehung, »dass Auschwitz nicht noch einmal sei«, auch nur anteilig eingelöst wurde.

Freilich ist nicht zu leugnen, dass seit den 1970ern allgemein gesellschaftlich und insbesondere im Schulunterricht Faschismus, NS und Shoah ausgiebig »thematisiert« wurden und werden; wer jedoch das mit »Erziehung nach Auschwitz« meint, macht aus der Forderung eine bloße Leerformel. Dass jede / jeder vierte antisemitische Einstellung hat, kann als bestürzender Beleg dafür genommen werden, wie ohnmächtig Erziehung mit ihren selbstverständlichsten Ansprüchen nach Menschlichkeit, Friedfertigkeit, Solidarität ist.

Überdies spricht Adorno von »Erziehung«, nicht von »Bildung« nach Auschwitz. Selbst wenn ihr letztes Ziel Bildung wäre, geschieht eine solche Erziehung unter Bedingungen der Halbbildung, die nicht von ungefähr erstmals in der ›Dialektik der Aufklärung‹ als ein »Element des Antisemitismus« erwähnt wird. Sind diese Bedingungen also so beschaffen, dass man, um eine Wiederholung von Auschwitz zu verhindern, sich mit bloßer Erziehung begnügen und von den hochtrabenden Ansprüchen klassischer Bildung verabschieden muss?

Wie haben sich außerdem die gesellschaftlichen Bedingungen geändert und wie wären entsprechende Adornos Überlegungen zu aktualisieren? Adorno empfiehlt, so »etwas wie mobile Erziehungsgruppen und -kolonnen von Freiwilligen« aufs Land zu schicken. Diese Empfehlung wirkt aus der Zeit gefallen, insofern der Gegensatz von Stadt und Land schwächer geworden sein dürfte, aber auch quantitativ nicht mehr so stark ins Gewicht fällt. Sie wirkt aber vor allem deshalb so hilflos, weil sie bloß zu partikularen Interventionen kommt. In dieser Hinsicht ist die Gegenwart nicht über Adornos Erziehungskolonnen hinausgekommen: Die antisemitismuskritischen Workshops und Trainings, die seit dem 7. Oktober 2023 immer öfter angeboten werden, stehen weitgehend ohnmächtig einem immer stärker werdenden Antisemitismus gegenüber.

Das führt zur grundlegenden Aporie, in der sich Adornos Vortrag bewegt: Nach aller historischen Erfahrung ist die Pädagogik nicht in der Lage, allein die Bedingungen zu schaffen, eine Wiederholung von Auschwitz zu verhindern. Vielmehr müsste Adornos Forderung gesellschaftlich selbstverständlich werden und auch die dem Antisemitismus widerstehende Erfahrungsfähigkeit durch gesellschaftlich ermöglicht werden. Sind aber die Möglichkeiten, die Gesellschaft entsprechend einzurichten, verbaut, erscheint die Pädagogik als das letzte Feld, auf dem eine entsprechende Intention noch wirksam werden könnte. Dies stellt sich als Problem einer kritischen Erziehungswissenschaft. So unverzichtbar ihre historische Rekonstruktion ist – notwendig ist vor allem ihre Restitution in theoretischer wie praktischer Auseinandersetzung mit (nicht nur pädagogischen) sozialen Verhältnissen, die die kritische Theorie als Herrschafts- und Gewaltverhältnisse analysierte. Allein Buchtitel wie ›Erziehung und Emanzipation‹ (Mollenhauer), ›Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft‹ (Heydorn) oder ›Bürgerliche Kälte und Pädagogik‹ (Gruschka) bezeugen, mit welcher Schärfe und Dringlichkeit die kritische Theorie der Gesellschaft als Erziehungswissenschaft fortgesetzt werden sollte: für eine – in geschichtlicher Verantwortung notwendige – »politische Begründung als Sozialwissenschaft«, wie Gamm es forderte (in ›Das Elend der spätbürgerlichen Pädagogik‹, 1972).

Allerdings bekommt das Anliegen, Adornos Überlegungen zu aktualisieren, heute von ungebetener Seite Unterstützung: Israels Vorgehen im Gazastreifen sei genozidal, eine Erziehung nach Auschwitz müsse heute eigentlich eine Erziehung nach Gaza sein. Gegenüber dieser Verkehrung ist festzuhalten: Zwar haben sich die Bedingungen verändert, sodass der Antisemitismus Umwege nehmen muss und der beliebteste dieser Umwege heißt Israel. Aber die Bedingungen haben sich dann doch nicht so sehr verändert, dass die ehemaligen Opfer heute die Rolle der ehemaligen Täter eingenommen hätten. Dasselbe Ressentiment findet immer noch dasselbe Objekt.
Wir laden Sie und Euch ein, mit uns Adornos Vortrag ›Erziehung nach Auschwitz‹, der vor sechzig Jahren im HR zu hören war, gemeinsam in seiner Aktualität und geschichtlichen Bedeutung zu diskutieren.

Termin: 25. Juni 2026
Ort: Campus Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg
Raum: 0001 im Mensa-Gebäude M01
Zeit: 10.00 bis 16.00 Uhr (mit Mittagspause)

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Wir freuen uns über Referate, Impulsvorträge, Thesenpapiere und dergleichen. Ausdrücklich laden wir auch Interessierte aus der außerakademischen Praxis ein, sich zu beteiligen!
Wir bitten um kurze Rückmeldung bis zum 19. Juni 2026 an:
[email protected] oder [email protected]

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Dr. Simon Helling,
Dr. Roger Behrens,
Professur für Erziehungswissenschaft,
insbesondere Bildungs- und Erziehungstheorie
sowie philosophische Grundlagen

Einladungstext: hier.
Plakat: hier.

HSU

Letzte Änderung: 5. Juni 2026