Erziehung und Interaktion in der Kindertagesstätte

DFG-Projekt (7/22-9/25)

Leitung: Dr. Morvarid Dehnavi, Prof. Dr. Arnd-Michael Nohl

Mitarbeit: Dr. Sarah Thomsen, Marco Mazzarisi, M.A.

Hauptpublikation

Nohl, Arnd-Michael/Dehnavi, Morvarid/Mazzarisi, Marco/Thomsen, Sarah (2026): Erziehung und Interaktion in der Kindertagesstätte. Weinheim: Beltz Juventa (open access)

Zusammenfassung

Wie erziehen pädagogische Fachkräfte Kinder in Kindertagesstätten? Dieser Frage ging das DFG-Projekt auf der empirischen Grundlage von Videos aus dem morgendlichen Alltag von vier unterschiedlichen Kitagruppen nach.

Drei Formen der Erziehung – verstanden als nachhaltige und sanktionsbewehrte Zumutung von Lebens- und Handlungsorientierungen – lassen sich unterscheiden: In der proaktiven Erziehung richten die Fachkräfte Erwartungen an die Kinder, die sich auf zu habituierende Handlungsweisen beziehen. In der reaktiven Erziehung werden Handlungsweisen der Kinder als abweichend moniert und alternative Orientierungen eingefordert. In der katalysierenden Erziehung wird ein wie auch immer motiviertes Handeln der Kinder von den Fachkräften derart gelobt, dass es nunmehr zum erwarteten Handeln wird, das sich die Kinder dauerhaft zur Gewohnheit machen sollen. Die Erziehung einzelner Kinder erfolgt oftmals exemplarisch für andere Kinder (Erziehung pars pro toto), wenn nicht ohnehin der ganzen Gruppe Orientierungen zugemutet werden (Erziehung ad omnibus). 

Diese Formen und interaktiven Einbindungen gehören zu den sozialisatorischen Grundlagen von Erziehung, da die Kinder und Fachkräfte die modi operandi von Erziehung als völlig selbstverständlich behandeln und in ihren eigenen Orientierungen verankert haben. Während Erziehung durch die Zumutung neuer Orientierungen Kontingenz in das interaktive Geschehen einführt und die Kinder dazu veranlasst, sich gegenüber dem Neuen zu positionieren, reproduziert sich Sozialisation, insoweit Interaktionsvollzüge als alternativlos behandelt und auf diese Weise orientierungswirksam werden.

Orientierungszumutungen werden nachhaltig, wenn sie wiederholt gesetzt werden oder die Aneignung der Orientierungen überprüft wird. Negative Sanktion(sandrohung)en jenseits von Tadel spielen dabei kaum eine Rolle, während positive Sanktionen (Gratifikationen und Lob) in Maßen eingesetzt werden. Die asymmetrische Rollenbeziehung sorgt dafür, dass die Kinder den Orientierungszumutungen auch ohne Sanktionsandrohungen Folge leisten.

Wo es der Aneignung von Wissen und Können bedarf, um zugemutete Orientierungen in eine Handlungspraxis zu übersetzen, kommt es zu erziehungsunterstützender Lehre. Erzieherische Gesten können den Kindern aber auch in lehrunterstützender Erziehung die Bedeutung des anzueignenden Wissens und Könnens vor Augen führen.

Indem die Interaktionen zwischen Kindern und Fachkräften mit der Dokumentarischen Methode hinsichtlich der einzelnen Turns, ihrer Abfolge in Interaktionsmodi und in deren sequenzieller Struktur empirisch rekonstruiert und typisiert wurden, ließen sich auch weitere Grundprozesse wie Sorge und Führung herausarbeiten, die für die pädagogische Interaktion wichtig sind, ohne selbst pädagogisch zu sein. All diese interaktiven Handlungsvollzüge sind sozialisatorisch verankert, und Kinder und Fachkräfte vertrauen in ihre Reproduzierbarkeit, sodass sie zum habituierten Interaktionsraum der Kitagruppe gehören. 

HSU

Letzte Änderung: 23. Februar 2026