Forschung

Publication Biases und statistische Verfahren zu ihrer Aufdeckung

Publication Biases liegen vor, sofern bestimmte Forschungsergebnisse mit größerer Wahrscheinlichkeit veröffentlicht werden als andere. Ein wesentliches Kriterium für die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen ist oftmals statistische Signifikanz – statistisch signifikante Ergebnisse werden eher veröffentlicht als nicht-signifikante. Dies kann dazu führen, dass die Literatur einen falschen Eindruck über die Stabilität, Größe und Existenz von Effekten vermittelt. Unsere Forschung zielt nun darauf ab, statistische Methoden zur Aufdeckung und Korrektur von Publication Biases zu evaluieren und weiterzuentwickeln. Zugleich setzen wir diese Methoden ein, um zu ermitteln, ob und in welchem Ausmaß Publication Biases in der Psychologie vorkommen.

Ein Sonderheft der Zeitschrift für Psychologie zum Thema (und verwandten Problemen) findet sich hier.

 

Generalisierbarkeit von Effekten und Heterogenität in Metaanalysen

In der Psychologie ist es in den letzten Jahren (erstmalig) zu systematischen „large scale“ Replikationen gekommen: Dieselbe Studie wird von zahlreichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Laboren entweder nach demselben Versuchsprotokoll oder mit geringen, geplanten Modifikationen durchgeführt. Diese Replikationsprojekte ermöglichen es, zu untersuchen, ob psychologische Effekte generalisierbar sind: Findet sich an allen Orten und in unterschiedlichen Stichproben von Teilnehmerinnen und Teilnehmern stets ein Effekt ähnlicher Größe? Oder variiert die Stärke des Effekts, obwohl dies theoretisch nicht zu erwarten war? – Wir reanalysieren Daten aus Replikationsprojekten, um zu ermitteln, wie stabil (und damit generalisierbar) psychologische Effekte sind und unter welchen Umständen Heterogenität in Effektgrößen auftritt. Zudem simulieren wir Daten aus psychologischen Studien unter verschiedenen inhaltlichen und methodischen Annahmen, um zu bestimmen, welche Faktoren zu Heterogenität und fehlender Generalisierbarkeit beitragen.

 

Process Tracing bei Urteilen und Entscheidungen

Wir untersuchen Prozesse des Informationsabrufs und der Informationsintegration bei Urteilen und (multiattributiven) Entscheidungen. Welche Informationen erinnern wir, wenn wir zwischen mehreren Alternativen wählen? Wie beeinflusst die Menge der erinnerten Information, wie wir entscheiden und zu welchem Ergebnis wir dabei kommen? Wie wird die erinnerte Information überhaupt verarbeitet, um zu Urteilen und Entscheidungen zu gelangen? Um solche Fragen zu beantworten, ist es zunächst wichtig, Prozesse des Informationsabrufs und der Informationsintegration erfassen zu können. In der Entscheidungspsychologie sind in den letzten Jahren verschiedene Methoden des „process tracings“ vorgeschlagen worden. Wir nutzen vor allem die Technik der Blickbewegungserfassung, um zu erschließen, welche Informationen bei der Entscheidungsfindung erinnert werden und wie diese Informationen verarbeitet werden.

Relevante Publikationen:
Niedtfeld, I., Renkewitz, F., Mädebach, A., Hillmann, K., Kleindienst, N., Schmahl, C., Schulze, L. (2020). Enhanced memory for negative social information in borderline personality disorder. Journal of Abnormal Psychology. [Epub ahead of print]  — PREPRINT

Schoemann, M., Schulte-Mecklenbeck, M., Renkewitz, F. & Scherbaum, S. (2019). Forward inference in risky choice: Mapping gaze and decision processes. Journal of Behavioral Decision Making, 32, 521-535. — PREPRINT

Renkewitz, F. & Jahn, G. (2012). Memory Indexing: A novel method for tracing memory processes in complex cognitive tasks. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory and Cognition, 38(6), 1622-1639. — PDF

 

Risikowahrnehmung bei Gesundheitsentscheidungen

Mit stärkerem Anwendungsbezug untersuchen wir die Risikowahrnehmung bei Gesundheits- und insbesondere Impfentscheidungen. Gemeinsam mit Cornelia Betsch (Universität Erfurt) konnten wir in zwei DFG-Projekten zeigen, dass Einzelfallberichte über Impfnebenwirkungen eine stark verzerrende Wirkung auf die Wahrnehmung von Impfrisiken sowie die Impfintention haben. Diese Arbeiten führen wir aktuell im DFG-Transferprojekt „SAFECOMM“ fort. Anwendungspartner in diesem Projekt ist das Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Das PEI sammelt Verdachtsfälle über Nebenwirkungen von Impfstoffen und veröffentlich diese in einer Datenbank auf seiner Webseite. Daraus ergibt sich die Herausforderung, die Datenbank so zu gestalten, dass die gelisteten Fälle tatsächlich als Verdachtsfälle wahrgenommen werden (der kausale Zusammenhang zwischen Arzneimittel (z.B. Impfstoff) und aufgetretenem Symptom ist bei Verdachtsfällen nicht geklärt) und angemessen in die Bewertung von Impfstoffen einfließen, ohne die Impfbereitschaft unangemessen negativ zu beeinflussen.

Projekt SAFECOMM

HSU

Letzte Änderung: 26. August 2020