Diagnostik und Modellkonzeption von Aufmerksamkeitskompetenz am Arbeitsplatz

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit und Konzentration werden in verschiedenen Teilbereichen der Psychologie thematisiert und haben für beinahe alle psychischen Vorgänge Relevanz. Aufmerksamkeit ist dabei stark mit dem Bewusstsein verbunden und es wird meist davon ausgegangen, dass Aufmerksamkeit eine Art Filter darstellt, der den Fluss an Informationen, die in das Bewusstsein gelangen kontrolliert.

Aufgabe von Aufmerksamkeit ist es, die Menge an Informationen genauso zu regulieren, dass relevante Informationen in das Bewusstsein vordringen und gleichzeitig eine Überlastung oder Ablenkung vermieden wird. Ein wichtiger Aspekt, der durch die s.g. Spotlight Theorie angesprochen wird, ist die Tatsache, dass Aufmerksamkeit ein teilweise aktiv kontrollierter Prozess ist; demnach steuert die Aufmerksamkeit einerseits die Informationen, die in das Bewusstsein gelangen, ist aber auch durch das Bewusstsein gesteuert.

Dabei wird schnell die Wichtigkeit von Aufmerksamkeit deutlich: Es muss nicht nur auf die Menge an Informationen, sondern auch deren Relevanz angemessen reagiert werden und dies ist nur möglich, wenn die nötigen Informationen aufgenommen und verarbeitet wurden. Ist diese Fähigkeit gestört oder gering ausgebildet, kann es zu bedeutenden Beeinträchtigen kommen.

Details von Aufmerksamkeit

Klassischerweise werden verschiedenen Arten von Aufmerksamkeit unterschieden. Die Theorienlandschaft ist, bedingt durch die weitreichende Bedeutung des Themas, sehr ausgeprägt und vielfältig.


Unterschiedliche Arten von Aufmerksamkeit:

Alertness: Diese Art von Aufmerksamkeit bezeichnet gewissermaßen die kognitive „Grundaktivierung“, die eine Grundlegende Voraussetzung für alle weiteren Arten von Aufmerksamkeit darstellt. Störungen in diesem Bereich gehen oft mit neurobiologischen Schäden, z.B. durch Krankheiten, einher.

Räumliche Aufmerksamkeit: Räumliche Aufmerksamkeit bezeichnet die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zwischen verschiedenen Orten zu wechseln. Den Aufmerksamkeitsfokus auf einen neuen Ort zu lenken verlangt dabei relativ viel kognitiven Aufwand. Eine laufende Bearbeitung muss dazu unterbrochen und, ggf. nach einiger Verzögerung, wieder an einem anderen Ort fortgesetzt werden. Dabei wird gerade das Arbeitsgedächtnis, das thematisch eng mit Aufmerksamkeit verknüpft ist, stark beansprucht.

Fokussierte Aufmerksamkeit: Die klassische Filterfunktion von Aufmerksamkeit wird in der fokussierten Aufmerksamkeit widergespiegelt. Es geht hierbei vor allem darum, relevantes zu fokussieren und irrelevantes ausblenden.

Aufmerksamkeitswechsel: Die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zwischen verschiedenen Aufgaben oder Dingen wechseln zu können, ist eine zentrale Alltagskompetenz. Sie ist der räumlichen Aufmerksamkeit ähnlich, unterscheidet sich aber dadurch, dass die Aufmerksamkeit zwischen verschiedenen Inhalten gewechselt werden muss. Hierbei kommt es gerade bei stark unterschiedlichen Aufmerksamkeitszielen zu größeren Belastungen.

Geteilte Aufmerksamkeit: Die geteilte Aufmerksamkeit ist, entgegen der Alltagsvorstellung des „Multi-Taskings“, eine Sonderform des Aufmerksamkeitswechsels. Durch sehr schnelle Wechsel zwischen Aufmerksamkeitszielen kann die Aufmerksamkeit geteilt werden. Gerade wenn sehr unterschiedlichen Dingen Aufmerksamkeit gegeben werden soll, kann es hier zu starker Beanspruchung kommen. Eine solche Teilung ist meistens nur kurz aufrechtzuerhalten.

Daueraufmerksamkeit: Daueraufmerksamkeit bezeichnet das Aufrechterhalten von Aufmerksamkeit über lange Zeit. Die Menge an Informationen ist dabei maßgeblich dafür, wie gut diese Aufmerksamkeitsleistung gebracht werden kann. Bei sehr geringen Informationsmenge, z.B. dem Beachten nur einer Warnlampe über lange Zeit, kann die Leistung nach einer Weile stark nachlassen – diese Sonderform der Daueraufmerksamkeit wird Vigilanz genannt. Andererseits kann auch eine zu hohe Informationsmenge, z.B. bei Fluglotsen, zu einem Leistungsabfall führen.

Konzentrierte Aufmerksamkeit: Konzentration und Aufmerksamkeit werden oft Synonym verwendet, mit konzentrierter Aufmerksamkeit kann jedoch eine Sonderform von Aufmerksamkeit bezeichnet werden, bei der, zusätzlich zur Aufmerksamkeit auch kognitiver Aufwand erbracht werden muss. Sie wird also immer dann gefordert, wenn mit den gefilterten Informationen substanzielle gedankliche Arbeit verbunden ist.


Neben den hier aufgeführten Arten von Aufmerksamkeit  sind unter anderem die Aspekte Planung und Hemmung relevant: Bei geplantem Vorgehen muss auch immer ein Teil der Aufmerksamkeit der Einhaltung des Plans gewidmet werden. Der Aspekt der Hemmung kommt dann zum Tragen, wenn nicht nur ein bloßes Reagieren auf einen Reiz nötig ist, sondern eine unmittelbare Reaktion zugunsten einer ausgewählten Handlung unterdrückt werden muss.

Aufmerksamkeit im Berufskontext

Jenseits von Störungen und Schwächen hat Aufmerksamkeit weitreichende Bedeutung für den Alltag. Insbesondere im Beruf und Bildungsweg ist Aufmerksamkeit ein maßgeblicher Faktor für Erfolg. Aus einer Professur-internen Analyse von über 1000 Berufsbeschreibungen wurde ersichtlich, dass Aufmerksamkeit zu den drei häufigsten Berufsanforderungen gehört. Die einzigen noch häufiger gestellten Anforderungen waren Kommunikationsfähigkeit und Flexibilität. Genaugenommen stellt Aufmerksamkeit eine notwendige Bedingung für diese beiden Leistungen dar, was die Wichtigkeit von Aufmerksamkeit nochmals unterstreicht.

Gerade beim Bedienen spezialisierter Geräte und Maschinen ist Aufmerksamkeit besonders gefordert. © Decastro/Bundeswehr/dpa

Projekt: Alltagsnahe Messung von Aufmerksamkeitskompetenz

Im Bestreben die optimale Besetzung für eine Position oder die optimale Position für eine Person zu finden, können psychologisch-diagnostische Verfahren eingesetzt werden. Sie erlauben es Fähigkeiten, wie z.B. Aufmerksamkeit objektiv zu messen. Die derzeit auf dem Markt befindlichen Verfahren zur Messung von Aufmerksamkeit sind jedoch für den Berufskontext oft ungeeignet. Die meisten dieser Verfahren verfolgen das Ziel, Aufmerksamkeit als klar umschriebene Teilleistung zu messen; dies erfüllt besonders seinen Zweck, wenn es darum geht, Störungen oder Defizite zu diagnostizieren. Diese s.g. Teilleistungsdiagnostik ist jedoch für den Berufskontext ungeeignet, da im Alltag nicht nur Teilleistungen, sondern ganze Fähigkeitsgruppen gefordert werden. Gruppen aus thematisch verbundene Fähigkeiten werden auch als Kompetenzen bezeichnet. Für den Arbeitskontext wäre es also angebrachter, Aufmerksamkeitskompetenz anstatt von Aufmerksamkeitsleistung zu erfassen.Das Ziel dieses Projekts ist die Entwicklung und Erprobung innovativer Testkonzepte zur umfassenden Erfassung verschiedener Aufmerksamkeitstypen und verwandter Fähigkeiten.

Bei herkömmlichen diagnostischen Verfahren zur Messung von Aufmerksamkeit wurde, um Störeinflüsse zu reduzieren, ein reduktionistischer Ansatz verfolgt. Die zu bearbeitenden Aufgaben sind dabei auf das nötigste reduziert und sollen so gezielt einzelne Teilleistungen beleuchten. Mit dem Ziel der Kompetenzmessung eröffnet sich jedoch die Möglichkeit, die Aufgaben mit zusätzlichen inhaltlich relevanten Aspekten realitätsnäher zu gestalten.

Es sollen dabei vor allem alltags- und realitätsnahe Mittel zur Messung verwendet werden. Dadurch soll ein leichteres Anknüpfen an die Arbeitsrealität und schlussendlich eine höhere prognostische Validität erreicht werden.

HSU

Letzte Änderung: 8. September 2020