Für den Frieden gewappnet? Geschichte des Zivil- und Katastrophenschutzes in Deutschland nach 1990

Dr. Jan Wille

Als der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama im Jahr 1989 das „Ende der Geschichte“ apostrophierte, gab er einem neuen Zeitgeist seinen Namen. In weiten Teilen der westlichen Gesellschaften hatte nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs die Überzeugung eines kaum noch anfechtbaren Siegeszugs der liberalen Demokratie und sozialen Marktwirtschaft Einzug gehalten. Im Moment der unipolaren Weltordnung schien dann auch die Sicherheitspolitik des Kalten Krieges rasch obsolet zu sein. Inzwischen werden die sicherheitspolitischen Versäumnisse der Vergangenheit harsch kritisiert. Allzu offensichtlich sind die Defizite der Bundeswehr, die man versucht, mit der Zeitenwende im Rekordtempo zu korrigieren. Im Schatten der täglichen Debatten über den Zustand der Truppe verschwindet ein anderer für die innere und äußere Sicherheit unverzichtbarer Sektor beinahe im Dunkeln. Denn auch der Zivil- und Katastrophenschutz in Deutschland sah sich nach 1990 massiven Kürzungen ausgesetzt. Unter der Prämisse, von Freunden umzingelt zu sein, wurden mit einem heute kaum nachvollziehbaren Leichtmut Sirenen abgebaut, Bunker geschlossen, Material verschenkt und Ämter zusammengelegt. Doch trifft diese simplifizierende Erzählung vom blauäugigen Ausverkauf deutscher Sicherheit nach 1990 überhaupt zu?

Das Forschungsvorhaben setzt genau hier an und will nachweisen, dass es an der historischen Wahrheit vorbeigeht, die unbestritten nach 1990 einsetzenden Abrüstungsbemühungen auch im Bereich des Zivil- und Katastrophenschutzes ausschließlich mit einer sicherheitspolitischen Naivität der Zeitgenoss:innen zu erklären. Im Sinne einer Zeitgeschichte als Problemgeschichte der Gegenwart will es ein historisch adäquateres, komplexeres Bild zeichnen. Es geht von der Prämisse aus, dass sich nach der Epochenwende 1989/90 eine neoliberale Transformation von Sicherheits- und Präventionsvorstellungen in Deutschland Bahn brach, die sich schon seit dem Ende der 1970er Jahre angekündigt hatte. Der Rückbau der bisherigen Schutzmaßnahmen erscheint in diesem Licht dann nicht nur als eine idealistische Wette auf eine Zukunft ohne unkalkulierbare Gefahren. Vielmehr wird ein grundsätzlicher Wandel in der Wahrnehmung von Gefahrenpotenzialen und damit die Historizität von Sicherheitsvorstellungen sichtbar. Zentraler analytischer Bezugspunkt des Forschungsvorhabens ist die Annahme einer neoliberalen Vermarktlichung von Sicherheit nach 1990. Sicherheit wird in diesem Verständnis zu einem von Staaten, Institutionen und selbst Individuen am globalen und lokalen Sicherheitsmarkt handelbaren Gut. Inwiefern mit der neoliberalen Transformation eine neue Sicherheitskultur in Deutschland Einzug hielt, die sich in Diskursen, Werten, Normen und Praktiken der einschlägigen Organisationen des Zivil- und Katastrophenschutzes, letztendlich aber auch im Handeln (oder Nicht-Handeln) normaler Bürger:innen niederschlug, wird das Forschungsvorhaben aufdecken. Den vielen heute erzählten Anekdoten vom naiven Ausverkauf deutscher Sicherheit nach dem Ende des Kalten Krieges soll damit eine substantiierte Analyse und Darstellung der historischen Geschehnisse gegenübergestellt werden.

HSU

Letzte Änderung: 28. September 2026