CfP „Organisierte Moral“, Frühjahrstagung der Sektion Organisationssoziologie

HSU

11. Oktober 2018

Call for Papers

für die Frühjahrstagung der Sektion Organisationssoziologie der DGS

„Organisierte Moral“

am 4. und 5. April 2019 an der Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg

Organisiert von

Cristina Besio (Helmut-Schmidt-Universität)

André Armbruster (Universität Duisburg-Essen)

 

Das Verhältnis zwischen Organisation und Moral ist komplex und alles andere als eindeutig: Einerseits gibt es Unternehmen, die skrupellos Menschenrechte missachten, um ihre Gewinninteressen durchzusetzen, Verwaltungen, die nach eigenen Belangen anstatt nach dem Wohl der Bürgerinnen agieren, oder auch Mafias und Terrororganisationen, die Personen und ganze Länder bedrohen. Entsprechend wird bezweifelt, dass Organisationen überhaupt moralisch sein können (Luhmann 2008 [1989]; Ortmann 2010; Jäger/Coffin 2011). Besonders prägnant beschreibt Zygmunt Bauman (1992) Organisationen als „adiaphoric“, da sie weniger absichtlich böse (oder gut) sind, sondern vielmehr jenseits der Moral operieren. Organisationen sind moralisch indifferent und ziehen eher andere, etwa technische, Kriterien anstelle von moralischen Überlegungen heran, um Entscheidungen zu treffen.

Andererseits und im Gegensatz zu Baumans Diktum bekämpfen NGOs jedoch Armut in den Ländern des globalen Südens und Gewerkschaften streiten für die Rechte von Arbeitnehmerinnen. In der Sozialen Arbeit oder im Umweltschutz binden Organisationen moralische Gesichtspunkte in ihre Zwecksetzung ein. Und es gibt empirische Anzeichen dafür, dass durch die Popularisierung von Corporate Social Responsibility (CSR) auch Unternehmen vermehrt nach moralischen Kriterien entscheiden.

Es existiert somit eine Varietät in der Analyse der Moral von Organisationen (Besio 2018). Diese möchten wir als Ausgangspunkt nehmen und die Frühjahrstagung der Sektion Organisationssoziologie der Frage der Ausgestaltung der organisierten Moral widmen. Wir wollen weder für Moral plädieren noch davor warnen. Vielmehr geht es darum, soziologische Erklärungen des normativ Guten und Bösen in und von Organisationen zu diskutieren.

Vorträge können sich beispielsweise auf folgende Fragestellungen beziehen:

  • Warum kommunizieren Organisationen moralisch, obwohl Moral selten komplexe sachliche Probleme lösen kann? Moralisch lassen sich Risiken der Technik oder Folgen globaler, ökonomischer Prozesse nicht eindämmen. Jedoch nehmen gerade in Krisensituationen viele Organisationen Bezug auf Moral. Die Frage ist dann, welche Wirkungen und Effekte – bspw. legitimatorische und/oder verschleiernde – diese Kommunikation hat.
  • Inwiefern und mit welchen Folgen lässt sich Moral organisationsstrukturell verankern? Organisationen können im Sinne des CSR moralische Gesichtspunkte in ihre formalen Strukturen einbauen und darin etwa Verhaltenskodizes oder Sozialberichte verankern. Viele kritisieren, dass solche Strukturen reine Fassade bleiben. Jedoch gibt es Anzeichen, dass diese Instrumente auf organisationales Handeln einwirken. Zu diskutieren sind die Wirkungen verschiedener Strukturen in unterschiedlichen organisationalen Kontexten.
  • In welchem Verhältnis stehen Moral und Organisationsmitglieder? Fasst man Mitglieder als eine organisationsstrukturelle Komponente auf, ist zu untersuchen, ob Moral  Organisationsmitglieder verändert oder ob das Verhalten der Mitglieder eine mögliche Organisationsmoral beeinflusst.
  • Konfligieren moralische Gebote mit anderen Anforderungen, die an Organisationen herangetragen werden? Gesellschaftliche Logiken werden organisational umgesetzt: Ökonomische Transaktionen, politische Entscheidungen, wissenschaftliche Forschung usw. finden überwiegend in Organisationen statt. Zudem wird von Organisationen erwartet, dass sie effizient und effektiv operieren. Moralische Erwartungen verschiedener Gruppen kommen hinzu. Wir möchten die Konflikte thematisieren, die dadurch entstehen, weil etwa das, was ökologisch sinnvoll ist, nicht gleichzeitig gerecht, rentabel oder effizient sein muss.
  • Wie gehen unterschiedliche Organisationstypen mit Moral um? Moral ist in einigen Bereichen wie dem Non-Profit-Sektor, in Kirchen oder Krankenhäusern von höchster Relevanz. Es gibt auch spezifische Organisationsformen wie etwa Genossenschaften, die moralische Ziele zentral verfolgen. Fraglich ist, inwiefern unterschiedliche Organisationstypen eigene Formen des Umgangs mit Moral oder gar eigene Moralen entwickeln.

Die Tagung ist offen für Beiträge aus unterschiedlichen theoretischen Strömungen sowie für empirische Arbeiten. Bitte reichen Sie Vortragsvorschläge von max. 2 Seiten bis zum 31.12.2018 bei Cristina Besio (cristina.besio@hsu-hh.de) und André Armbruster (andre.armbruster@uni-due.de) ein.

Literatur

  • Bauman, Zygmunt (1992): Dialektik der Ordnung: Die Moderne und der Holocaust. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt.
  • Besio, Cristina (2018): Moral und Innovation in Organisationen. Wiesbaden: Springer VS.
  • Jäger, Wieland/Arthur R. Coffin (2011): Die Moral der Organisation. Beobachtungen in der Entscheidungsgesellschaft und Anschlussüberlegungen zu einer Theorie der Interaktionssysteme. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Luhmann, Niklas (2008 [1989]): Ethik als Reflexionstheorie der Moral. S. 270-347. In: ders., Die Moral der Gesellschaft.
    Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Ortmann, Günther (2010): Organisation und Moral. Die dunkle Seite. Weilerswist: Velbrück Verlag

 

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