Forschung

Aktuelle Publikationen

Heiko Haumann / Jörn Happel (Hg.), Die Russische Revolution 1917, 3. Auflage, Köln 2025

Die Russische Revolution hat die Welt verändert. Dieses Buch wählt einen neuen Blick auf die Ereignisse. Aus der Sicht von Akteuren in den beiden Metropolen Petrograd und Moskau, im Zentrum und an der Peripherie des Reiches verfolgen die Autor:innen die Voraussetzungen der Revolution, den Verlauf des Jahres 1917, die Hoffnungen und Enttäuschungen, die mit der Revolution verbunden waren, das Leid, das sie über viele Menschen brachte, ihre Resonanz in der Welt ebenso wie die langfristigen Utopien. Was bleibt von der Russischen Revolution, wie wird sie erinnert?

Die 3., wiederum erweiterte Auflage berücksichtigt nicht nur den jüngsten Forschungsstand, sondern bezieht auch neue Sichtweisen ein, die sich durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine ergeben. Neu sind ebenfalls Zusatzmaterialien, die online abgerufen werden können.

Jörn Happel, Der doppelte Fluss. Die Diskussion um den Verlauf des Amudarjas (Oxus) in den Geowissenschaften der Neuzeit, in: Historische Zeitschrift 2026, Band 322, Heft 1, S. 1-46

Der Aufsatz handelt von dem Fluss Amudarja, der in der Antike unter dem Namen „Oxus“ bekannt wurde, auf Arabisch „Ğayhūn“ heißt und der seit den 1960er Jahren vor seiner ehemaligen Mündung (Aralsee) in der Wüste versiegt. Diskutiert wird eine wissenschaftsgeschichtliche Betrachtung dieses Flusses und des Sees: Was wusste man über beide in früherer Zeit, was ahnte man, was wusste man nicht oder blendete es bewusst aus? Der Aufsatz konzentriert sich dabei auf die europäischen geographischen Forschungen des 18. und 19. Jahrhunderts, teils mit Rückgriff auf Quellen (Texte und vor allem Karten) früherer Jahrhunderte. Dem Orientalisten Wilhelm Barthold (1869–1930) folgend, wird die These aufgestellt, dass sich in der Debatte des 19. Jahrhunderts die Zukunft der damaligen „Erdkunde“ im Streit über den Lauf des Amudarjas widerspiegelt. Viele der damals Forschenden konnten sich die Lage vor Ort nicht ansehen und waren auf (ältere) Literatur oder Berichte angewiesen. Außerdem besaß die schon seit dem 18. und vor allem seit dem späten 19. Jahrhundert diskutierte Umleitung des Flusses ins Kaspische Meer politische Sprengkraft. Besprochen wird zudem eine Theorie des 19. Jahrhunderts, dass der Aralsee vom 13. bis zum 16. Jahrhundert nicht oder nur zu einem kleinen Teil existierte, in einer Zeit, als der Amudarja gen Kaspisches Meer floss.

Jörn Happel /Melanie Hussinger / Hajo Raupach (ed.), Expeditions in the Long Nineteenth Century Discovering, Surveying, and Ordering, New York / London 2024

This book examines the processes of scientific, cultural, political, technical, colonial and violent appropriation during the 19th century.

The 19th century was the century of world travel. The earth was explored, surveyed, described, illustrated, and categorized. Travelogues became world bestsellers. Modern technology accompanied the travelers and adventurers: clocks, a postal and telegraph system, surveying equipment, and cameras. The world grew together faster and faster. Previously unknown places became better known: the highest peaks, the coldest spots, the hottest deserts, and the most remote cities. Knowledge about the white spots of the earth was systematically collected. Those who made a name for themselves in the 19th century are still read today. Alexander von Humboldt or Charles Darwin made the epoch a scientific heyday. Ida Pfeiffer or Isabelle Bird (Bishop) traveled to distant continents and took their readers at home on insightful journeys. Hermann Vámbéry or Sir Richard Burton got to know the most remote languages and regions. There are countless travel reports about a fascinating century, which, with surveying and exploration, also brought colonial conquest and exploitation into the world. In ten individual studies, the authors explore travelers from all over the world and analyze their successes. The unifying element of all the studies is the experience of distance and its communication by means of travelogues to the armchair travelers who have stayed at home.

Laufende Forschungsprojekte

Aktuelle Forschungsprojekte von Prof. Dr. Jörn Happel

Der Aralsee

Die Vermessung des Imperiums. Der Aralsee, seine Erforschung und das Russländische Reich im 19. Jahrhundert

Mit der Erstbesegelung des Aralsees 1848/49 untersucht das Forschungsprojekt die Geschichte Russlands unter transnationaler Perspektive. Gefragt wird nach den Wissenschaftsbeziehungen – in erster Linie den deutsch-russischen. Im Zentrum stehen  weiterhin die technische Erschließung der zentralasiatischen Peripherie und die Verortung Russlands in einer neu verstandenen europäischen Kolonialgeschichte, indem auf die Wechselwirkungen zwischen Kolonisierern und Kolonisierten fokussiert wird. Besonders aufschlussreich sind hierbei  die zahlreichen Zeichnungen des Expeditionsmalers. Sie wurden bislang nicht auf ihre Aussagekraft für eine russisch-europäische Kolonial- und Technikgeschichte befragt. Über die Zeichnungen gelingt ein innovativer Zugang zur Geschichte der Vermessung des Russländischen Imperiums.

Mit diesem Forschungsprojekt wurde Jörn Happel in das Heisenberg-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) aufgenommen.

Die Oxus-Frage

Ein Fluss, mächtig und breit, schlängelt sich durch die Wüste. Nach über 1000 Kilometern wird er zunehmend kleiner: bis auf eine Flussrinne zusammenschrumpfend. Daneben ein Flussbett, eingenommen von sandigen Transversaldünen. Immer enger wird die Rinne, immer breiter werden die Sandflächen um sie herum. Letztlich verschwindet das Bächlein, einen letzten unter der Sonnenhitze austrocknenden Sumpf bildend.

Sucht man heute die Mündung des Amudarja auf, braucht es keine Gummistiefel. Wo genau der Fluss seinen letzten Tropfen in der Karakum-Wüste versiegen lässt, weiß niemand so genau. Die Fragen über den Flussverlauf des Amudarja, über seine Mündung und seine Kanäle sind deshalb heute ebenso weitgehend unbeantwortbar wie vor über 100 Jahren, als die Oxus-Frage europäische Wissenschaftler als Problem der Erdkunde beschäftigte, und wie vor über 200 Jahren, als sich Peter der Große des Flusses anzunehmen gedachte. Der Oxus sollte umgeleitet werden und in das Kaspische Meer fließen.

Im Zentrum des Forschungsprojekts steht der Amudarja, der antike Oxus, der auf Arabisch Ğayhūn genannte Fluss. Es geht darum, ihn im Zusammenspiel der Wissenschaften zu entdecken und einzufangen. Ich konzentriere mich dabei auf die europäischen geographischen Forschungen des 19. Jahrhunderts und begebe mich mit den Quellen früherer Jahrhunderte zurück auf eine Suche nach einem Fluss, der sich einst nicht bändigen ließ.

Gesichertes Wissen über den Oxus sollte wissenschaftliche Erkenntnisse mehren, militärische Überlegungen in Karten umsetzen helfen und ökonomisches Potential in Aussicht stellen. Gesprochen mit einem der bedeutendsten Orientalisten des frühen 20. Jahrhunderts, dem Petersburger Wilhelm Bartold (Vasilij V. Bartol’d), spiegelte sich im Streit um den Lauf des Oxus wie bei keinem anderen Problem des 19. Jahrhunderts „die Zukunft der wissenschaftlichen Erdkunde“ (1910). Für zahlreiche Wissenschaftler und Publizisten besaß die Beantwortung der Oxus-Frage mithilfe der Umleitung des Flusses in das Kaspische Meer zudem politische Sprengkraft. Der New York Herald glaubte im Jahre 1879:

„It is highly probable that when the future historian of the nineteenth century, viewing its great events with the dispassionateness and calmness of the twentieth century, shall sum up its most radical political changes he will assign the first place in importance to the reopening of Central Asia to the civilization of the West.“

Europas Urangst vor dem Osten

Asiatische Reiter – Bolschewistische Monstren. Europas Urangst vor dem Osten

Die Zerstörung durch unberechenbare Reiter stellt Europas Urangst vor dem „Osten“ dar. Dies kann anhand einer europäischen Bild- und Quellensprache seit dem Frühmittelalter belegt werden. Immer wieder hatten Reitervölker für Angst und Schrecken in Europa gesorgt. In ihnen wurde der Untergang der Christenheit gesehen: Die Reiter galten als Abkömmlinge der Gog und Magog – jener alttestamentarischen Völker, die im Neuen Testament im Gefolge des Antichristen erscheinen. Schließlich wurde im 13. Jahrhundert mit dem Mongolensturm Europas Urangst mit einem konkreten Volk verbunden. Im Ausdruck Mongolensturm schwebt bis heute die Angst vor dem Untergang durch anstürmende Barbaren mit. Mit diesem Projekt wird das Ziel verfolgt, einen neuen Zugang zur Darstellungsgeschichte Osteuropas als gefährlichen asiatischen Gegenraum des Westens zu erproben. Grenzen und Jahrhunderte überschreitend werden Bilddiskurse offengelegt, die die historische Auseinandersetzung zwischen sesshaften und nicht sesshaften Kulturen thematisieren.

Besatzungsverwaltung in Polen 1915-1918

„Królestwo Polskie w oczach austro-węgierskiej administracji okupacyjnej w latach 1915-1918“ („Das Königreich Polen in den Augen der österreichisch-ungarischen Besatzungsverwaltung in den Jahren 1915-1918“)

Seit Januar 2024 ist eine internationale Arbeitsgruppe an der UMCS Lublin und der HSU damit beschäftigt, die k&k-Besatzungszeit während des Ersten Weltkriegs in Polen systematisch zu erschließen. Das auf 60 Monate angelegte Projekt wird vom polnischen Bildungsministerium unterstützt. Geplant sind eine Website, mehrere eigenständige Monografien sowie Workshops und Konferenzen.

…weitere Informationen folgen…

Die Präsenz der Toten. Repressionen, Rehabilitierungen und Rituale in postsozialistischen Erinnerungslandschaften (Melanie Hussinger, M.A.)

Dissertationsprojekt

Vom Pariser Vorort Boulogne-Billancourt über Moskau bis ins georgische Tbilissi: Das zivilgesellschaftliche Erinnern und öffentliche Gedenken an die Opfer der sog. politischen Repressionen der Sowjetunion hinterließ und hinterlässt seine Spuren in der postsozialistischen Erinnerungslandschaft. Eine besondere gesellschaftliche Initiative, die sich diesem Erinnern seit 2014 verschrieben hat, ist „Poslednij Adres“, die Letzte Adresse. Dieses transnationale Aktivist:innen-Netzwerk bringt mit gesellschaftlicher Unterstützung in- und außerhalb Russlands kleine Gedenktäfelchen an. Sind die Toten des vorherigen Jahrhunderts dadurch erst einmal präsent in den Städten und Dörfern, entfalten sie eine ganz eigene Dynamik, die von ritualisierten Anbringungszeremonien über mediale Diskussionen bis hin zu offenkundigem Vandalismus führt. Immanent dabei sind die Fragen, wer die Opfer der politischen Repressionen sind und ob ihre öffentliche Erinnerung gewünscht ist. Das Promotionsvorhaben verfolgt die Spuren der Verstorbenen anhand der Letzten Adressen auf verschiedenen Wegen: etwa durch die teilnehmende Beobachtung, Expert:inneninterviews, Archivforschungen oder mithilfe der Aufbereitung und Analyse von u.a. online geführten Diskursen. Dabei soll stets im Blick behalten werden, dass vereinfachende Täter- und Opfergegenüberstellungen im postsowjetischen Kontext oftmals zu kurz greifen.

„Alle Wege führen nach Moskau“. Deutsche Russland-Konstrukte. Erwartungen, Enttäuschungen, Zukunftsaussichten im deutsch-russischen Verhältnis von 1990-2022 (Julia Hofmann, M.A.)

Dimensionen des Kulturkriegs. Verlust polnischer Baudenkmäler im Zweiten Weltkrieg (Robert Langner, M.Litt. (University of Glasgow), M.A.)

Dissertationsprojekt

Das wesentliche Erkenntnisinteresse der Arbeit liegt in der Identifizierung von Praktiken bei der Vernichtung polnischer Baudenkmäler im Zweiten Weltkrieg durch deutsche Akteure sowie der ihnen zugrunde liegenden Motive. Baudenkmäler werden in diesem Zusammenhang als bauliche Zeugnisse einer haptisch materialisierten und gleichsam konstruierten Nationalkultur sowie als identitätsstiftende Symbole der öffentlichen Sphäre verstanden. Im Kontext der deutschen Kriegführung und Besatzungsherrschaft in Polen stellen die Strategien zur Beseitigung der „gebauten Nation“ durch physische Zerstörung oder Inbesitznahme einerseits und ideelle Aneignung andererseits eine Dimension eines umfassenderen Kulturkriegs dar, der komplementär zum Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen die polnische Bevölkerung hinzutrat. Untersuchungsgegenständlich sind die metropolen Zentren der drei vormaligen polnischen Teilungsgebiete Warschau, Krakau und Posen. Diese werden als Fallstudien herangezogen, um Fremd- und Selbstperzeptionen im Geschichtsbild der Täter regional vergleichend zu analysieren und zugleich differenziert gegeneinander abzugrenzen.

Otto Lenz – eine politische Biographie (Christian Dolff, M.A.)

Aktuelle Forschungsprojekte von David Jishkariani

Aktuelle Forschungsprojekte von David Jishkariani: https://mwsgeorgien.hypotheses.org/wissenschaft

Sicherheitskulturen Osteuropas (Dr. Agnieszka Zagańczyk-Neufeld)

Abgeschlossene Forschungsprojekte

Der Neid der Anderen. Experimentelle Reformen der sowjetischen Planwirtschaft (1958-1991) (Hajo Raupach, M.A.)

Abgeschlossene Dissertation

In meiner Dissertation analysiere ich verschiedene experimentelle Versuche, die sowjetische Planwirtschaft von unten zu reformieren. Das sowjetische System der Wirtschaftslenkung gilt, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Zerfalls der Sowjetunion 1991, als wachstumshemmend und ineffizient. Verschiedene Versuche wechselnder sowjetischer Regierungen scheiterten daran, dieses System, das unter dem Diktator Stalin eingeführt wurde, zu reformieren. Während diese zentralen Reformversuche von der historischen Forschung bereits breit untersucht wurden, legt meine Arbeit den Fokus auf lokale Initiativen, denen es gelang, im System der Planwirtschaft eine hohe Arbeitsproduktivität und Effizienz zu erreichen. Dabei arbeite ich anhand von drei Fallbeispielen in der Russischen, Georgischen und Kasachischen Sowjetrepublik heraus, wie es überhaupt zur Durchführung der Experimente kam und wie es gelang, die Effizienzprobleme der Planwirtschaft zu beheben. 

Einen besonderen Fokus lege ich in meiner Arbeit auf die Frage, wie Innovationen in der kollektivistisch geprägten Gesellschaft der Sowjetunion entstanden und welche Hindernisse sich bei der praktischen Umsetzung dieser Innovationen ergaben. Dabei kann ich anhand der Fallbeispiele aufzeigen, dass jeder Innovator in der Sowjetunion mit dem Problem des Neides konfrontiert war. Neid führt im wirtschaftlichen Kontext zu Sabotage, die wiederum den Preis für innovatives Verhalten für die Innovatoren in die Höhe treibt. Aus diesem Dilemma fanden die Initiatoren der Wirtschaftsexperimente unterschiedliche Auswege. Insbesondere mussten Wege gefunden werden, wie möglichst viele an den Erfolgen der Innovationen partizipieren konnten, um Gefühle des Neides und die mit ihnen einhergehenden negativen Begleiterscheinungen zu vermeiden. Wenn es den Initiatoren der Experimente gelang, ein Netzwerk der Gefälligkeiten (blat) um die Innovationen aufzubauen, hatten sie Erfolg. Die mikrogeschichtliche Studie zeigt somit auf, dass es auch in der autoritär geführten Sowjetunion mit ihrer schwerfälligen Planwirtschaft möglich war, erfolgreiche Reformen von unten durchzuführen.

Der Mensch und das Meer von Romantik bis Anthropozän. Eine Umweltgeschichte des Ostseetourismus (Dr. Jan-Hinnerk Antons)

Abgeschlossene Habilitation

Der moderne Ostseetourismus verdankt seine Entstehung ab etwa 1800 einem grundlegenden Wandel im Mensch-Meer-Verhältnis. Durch naturwissenschaftliche, medizinische und romantische Diskurse wandelte sich das Meer von etwas Bedrohlichem zu einem Erholungsort für Körper und Seele. Die Küsten der Ostsee wurden zu einem Sehnsuchtsort.

Tourismus wird hier grundsätzlich als Ausdruck eines modernen Bedürfnisses nach Rollenvariation und neuen Körpererfahrungen verstanden, der den Individuen der funktional differenzierten Gesellschaften ein Gefühl der Ganzheit, der körperlich-geistigen Einheit ermöglicht.

Aus dieser Perspektive untersuche ich im Forschungsprojekt sowohl die Wandlungen des Mensch-Meer-Verhältnisses in ihrer Wirkung auf den Ostseetourismus als auch in der Gegenperspektive den Einfluss des Tourismus auf das Mensch-Meer-Verhältnis. In großen Linien verfolge ich dabei in einem ersten Teil die Etablierung der Ostseeküste als Erholungsraum und Sehnsuchtsort und die Weiterentwicklung des Tourismus samt seiner sozialen Ausweitung im 19. Jahrhundert. Der zweite Teil fokussiert neue Körper- und Naturbezüge des Tourismus der Hochmoderne wie bspw. Freikörperkultur, Versportlichung und Camping. Der dritte Teil analysiert schließlich neue Diskurse im Ostseetourismus des Anthropozän. Denn ab 1970 gefährdete das Bild der Ostsee als „schmutzigstes Meer der Welt“ die wichtigsten Grundlagen des Tourismus. Baden galt nun als potentielle Gesundheitsgefahr und das Bild der Kloake drohte den „Spiegel der Seele“ zu vergiften. Welche Antworten fanden die Tourist*innen, die Tourismuswirtschaft, Politik und Zivilgesellschaften auf diese Herausforderungen?

Um Spezifika, Brüche und Kontinuitäten sichtbar machen zu können, werden eine Perspektive der longue durée und ein großer geographischer Zuschnitt gewählt: Von der Entstehung des ersten Ostseebades, Heiligendamm 1794, bis zum Ende der Systemkonkurrenz in Europa in den frühen 1990ern; von Travemünde im Südosten bis Terijoki (Selenogorsk) bei St. Petersburg im Osten und Mariehamn auf den Aland-Inseln im Norden. Die Makro-Perspektive muss aufgrund eines nicht immer hinreichenden Forschungsstandes und prinzipieller Erwägungen notwendigerweise durch das Hineinzoomen in die Mikroperspektive unterbrochen werden. Denn eine Verknüpfung beider Ebenen ähnlich der globalen Mikrogeschichte verspricht eine übermäßige Fokussierung auf Strukturen zu umgehen und empirische Fundierung zu ermöglichen. Das Denken in nationalen Räumen, welches sich anhand des Themas allenfalls als eine komparative Analyse konzipieren ließe, soll hier bewusst gleichzeitig über- und unterschritten werden. Regionale und transnationale Zugriffe bieten einen plausibleren Rahmen, um dem Phänomen Ostseetourismus gerecht zu werden. Ob die Ostsee überhaupt als Geschichtsregion zu verstehen ist und wodurch diese Region gegebenenfalls charakterisiert wäre, ist in der Forschung allerdings umstritten. Gegenüber der Staatenwelt waren die Regionen als Räume wirtschaftlicher Verflechtung, primärer Identitätsbildung und anderer Strukturmerkmale stabiler, wenn auch mit durchaus variablen Modi politischer Gestaltungsmacht. Entwicklungen in Schleswig, in Holstein und Mecklenburg waren in vielerlei Hinsicht tatsächlich mehr mit Entwicklungen in Kurland oder auf den finnischen Aland-Inseln verknüpft als mit denen in Hessen. Insofern kann der hier verwendete Ansatz als eine auf transregionale Entwicklungen fokussierende Verflechtungsgeschichte des Ostseeraums verstanden werden.

Da eine Umweltgeschichte der Ostsee bisher nicht geschrieben ist, beschäftigt sich das Projekt auch stark mit dieser Perspektive. Dabei kommt sowohl der materiellen als auch der kulturellen Ebene der Umweltgeschichte Bedeutung zu. Weitere Anregungen kommen u.a. aus den Sensory Studies, der Körpergeschichte, der Medizingeschichte und der Kunstgeschichte.

Kolloquium

Frühjahrstrimester 2026

Wenn nicht anders angegeben, findet das Kolloquium dienstags von 17:30 bis 19:00 Uhr im Hauptgebäude H01, Seminarraum 0203 statt.

Programm

07.04.2026
Masterkolloquium

14.04.2026
Masterkolloquium

21.04.2026
Masterkolloquium 

28.04.2026 (geänderter Raum: 0204)
Dr. Grischa Sutterer: Die Gruppe Wagner. Die Geschichte einer Gewaltgemeinschaft (zusammen mit der Professur für Neuere und Neueste Geschichte)

05.05.2026 
Keine Angst vor dem Kreml. Deutsche Osteuropaforschung in Zeiten des russischen Angriffskrieges. Podiumsdiskussion mit Dr. Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift „Osteuropa“, und Peggy Lohse, Journalistin und Redakteurin

19.05.2026
PD Dr. Tobias Rupprecht: Antikoloniales Imperium? Zu Russlands Rolle in der Bewahrung der Unabhängigkeit von Abessinien, Afghanistan, und Siam um 1900

26.05.2026
Christian Dolff: Otto Lenz – eine politische Biographie im Zeichen von Ego-Dokumenten?

02.06.2026
Erinnerung und Verantwortung. Die deutsch-polnischen Beziehungen nach der Zeitenwende. Eine Veranstaltung mit Prof. Dr. Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt und der Generalkonsulin der Republik Polen in Hamburg, Frau Aleksandra Krystek-Biernacka
Geänderte Zeit: 18:00 – 20:00 Uhr
Geänderter Raum: Gebäude M01 – Mensa Raum 0008 – Thomas-Ellwein-Saal

09.06.2026
Annemarie Polheim: Das russische souveräne Internet 

16.06.2026 (geänderter Raum: 0202)
Dr. Katharina Kreuder-Sonnen: Not Western but African! Management und wirtschaftliche Entwicklung im postkolonialen Nigeria, 1960 bis 1990 (zusammen mit der Professur Wissensgeschichte moderner Gesellschaften)

23.06.2026
Dr. Alexey Tikhomirov: Migrantengepäck: Dinge, Agency und Transiterfahrungen in der Geschichte jüdischer Migration (1880– 1920)

Herbsttrimester 2025

14.10.2025
Götz Aly (Berlin), Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945 (Buchvorstellung im Hörsaal 3 um 18 Uhr)

21.10.2025
Vitalij Fastovskij (Universität Münster), Identitärer Humanitarismus. Die Tolstoy-Foundation im Kalten Krieg

21.10.2025
Gemeinsamer Studientag mit der Professur für Neuere und Neuste Geschichte

04.11.2025
Rhena Stürmer (Universität Leipzig), Jenseits des Bolschewismus. Weimarer Linkskommunisten zwischen den Systemen des 20. Jahrhunderts (gemeinsam mit der Professur für Neuere und Neuste Geschichte)

11.11.2025
Helena Holzberger (LMU München), Medeas Rückkehr? Die sowjetisch-georgische Handelsflotte im Kalten Krieg

18.11.2025
Jörg Baberowski (HU Berlin), Die letzte Fahrt des Zaren. Als das alte Russland unterging (Buchvorstellung in Hörsaal 6)

25.11.2025
Gundula Pohl (FernUniversität Hagen), Geschichte als Herrschaftsinstrument. Der „Genozid am belarusischen Volk“ als Werkzeug autoritärer Politik in Belarus 2020-2025.

02.12.2025
Tobias Haberkorn (JLU Gießen), Expansion statt Revolution. Sowjetisches Landeskundemuseen in den 1920 Jahren

09.12.2025
Simon Strauß (Berlin), In der Nähe. Vom politischen Wert einer ostdeutschen Sehnsucht (Buchvorstellung bei Felix Jud um 19 Uhr)

16.12.2025
Julia Hofmann (HSU Hamburg), „Alle Wege führen nach Moskau“: Deutsche Russland-Konstrukte

Frühjahstrimester 2025

22. April 2025
Fenja Läser (Universität Basel): Schweizer Reisende in der Sowjetunion der Zwischenkriegszeit

8. Mai 2025
„Lunchtalk“ mit Markus Payk und Jörn Happel: Der 8. Mai 1945: Nachdenken über Krieg und Frieden (abweichend im Thomas-Ellwein-Saal, 11:45-12:45)

13. Mai 2025
Paul Schroeck (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg): Der Welterklärer. Klaus Mehnerts Aufstieg vom Osteuropa-Experten zum public intellectual der frühen Bundesrepublik

20. Mai 2025
Markus Hengelhaupt (Universität Hamburg): Jüdische Perspektiven aus dem (post-)imperialen östlichen Europa auf die Peripherien der westlichen Imperien in den 1920er Jahren

3. Juni 2025
Clea Wanner (Universität Basel): Fragments of Life. Personal Archiveology in post-Yugoslav and post-Soviet Cinema

10. Juni 2025
Vincent Hoyer (Universität Leipzig): „Aus dem ‚Aquarium‘ auf den Wawel!“ – Vergnügungskulturen und moral panic in den polnischen Teilungsgebieten

17. Juni 2025
Vitalij Fastovskij (Universität Münster): Identitärer Humanitarismus: Die Tolstoy Foundation im Kalten Krieg

24. Juni 2025
David Noack (Universität Bremen/Universität Mannheim): Das Zweite Turnier der Schatten: Die Politik der Großmächte
Deutschland, Großbritannien und Sowjetunion im Wechselspiel zueinander im Raum Turkestan 1919–1933.

Herbsttrimester 2024

15.10.2024
Stefanie Mahrer (Universität Bern), Wege und Wirkungen Salman Schockens. Von Posen über Zwickau nach Jerusalem und New York

22.10.2024
Jan Arend (LMU München/Universität Tübingen), Stress und die Transformation in der Tschechoslowakei/Tschechien, 1960-2000 [nur online]

5.11.2024
Hera Shokohi (Universität Bonn), Anonymität und Omnipräsenz. Erinnerungen an stalinistische Verbrechen im post-sowjetischen Kasachstan und der Ukraine

12.11.2024
Isabella Löhr (FU Berlin), Demokratie in der postmigrantischen Gesellschaft: Westeuropa seit den 1960er Jahren [gem. Veranstaltung mit den Professuren von Marcus M. Payk & Heinrich Hartmann]

19.11.2024
Renata Lesiakowska (Maria-Curie-Skłodowska-Universität Lublin), Die Assimilation der Deutschen in die polnische Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

26.11.2024
Rhea Claudia Rieben (Universität Basel), Erinnern an Fritz Platten. Drei Perspektiven

10.12.2024
Fabian Baumann (Universität Heidelberg), Verrat und Illoyalität in der Ersten Tschechoslowakischen Republik

17.12.2024
Andreas Renner (LMU München), Russland und die Nordostpassage: Globaler oder nationaler Seeweg? [in der OHG Hamburg]

Frühjahrtrimester 2024

23.04.2024
Simon Strauß (FAZ): Krieg und Kultur – Kultur und Krieg

07.05.2024
Jawad Daheur (Paris): German Colonisation in the Western Russian Empire: The Perspectives of Environmental History. (Gemeinsam mit der Prof. für Wissensgeschichte moderner Gesellschaften)

14.05.2024
Friedrich Asschenfeldt (Princeton): American Grain for Soviet Hogs. The Rise of Meat consumption and Soviet Grain Imports from the West, 1963-1991

04.06.2024
Mischa Honeck (Kassel): Small Fingers on Big Triggers: Children and Guns in the US since 1900

11.06.2024
Igor Narskij (Tscheljabinsk): Die Weiße Birke. Die sowjetische Erfindung des „russischen Baums“. Nationale Symbolproduktion und -rezeption in der UdSSR

18.06.2024
Muriel Nägler (Bremen): Erfahrungen kriegsgefangener Rotarmistinnen im Kontext des Zweiten Weltkriegs

25.06.2024
Agnieszka Zaganczyk-Neufeld (Bochum): Die Sekten im russländischen Imperium 1800-1917. Eine Sozialgeschichte der Glaubensfreiheit

Herbsttrimester 2023

17.10.2023
Pierre Gottschlich (Universität Rostock), China und Indien: Asiatische Großmächte auf Konfrontationskurs?

24.10.2023
Tobias Rupprecht (FU Berlin), Gescheiterte Zivilisierungsmission. Aufstieg und Fall der Russischen Neoliberalen

07.11.2023
Lektüresitzung: Clifford Geertz

14.11.2023
Lasha Bakradze (Staatliches Literaturmuseum Tbilissi), Deutsch-Georgische Wechselfälle im 20. Jahrhundert – Graf Schulenburg und die deutsch-georgischen Beziehungen – gemeinsame Veranstaltung mit Andreas Hilger, Head Branch Office Georgia, Max Weber Stiftung (Veranstaltungsort: Aula der HSU)

20.11.2023
Bachelorkolloquium (9:45-16 Uhr, Veranstaltungsort: Mensaraum 0001)

28.11.2023
Alexey Tikhomirov (Universität Bielefeld), Räume des Misstrauens: Psychiatrie, Ambivalenz und Moderne in der späten Sowjetunion

29.11.2023
Studientag der Professur für Neuere und Neueste Geschichte und der Professur für Geschichte Osteuropas und Ostmitteleuropas an der HSU

05.12.2023
Danilo Scholz (KWI Essen), Alexandre Kojève als „Funktionär der Menschheit“ – gemeinsame Veranstaltung mit der Professur für Neuere und Neueste Geschichte, Marcus Payk, sowie der Professur für Wissensgeschichte moderner Gesellschaften, Heinrich Hartmann

12.12.2023
Stefan Brenner (CAU Kiel), Von amoralischen Eroberern und Kulturträgern. Deutungshorizonte der Ostsiedlung in der deutschsprachigen Publizistik zwischen Aufklärung und Romantik

Herbsttrimester 2022

04.10., 11.10, 18.10., 25.10.
Bachelorkolloquium:

01.11.
Textdiskussion: Jacques Derrida – No Apocalypse, not now (full speed ahead, seven missiles, seven missives), in: Ders., Apokalypse, Wien 2012, S. 77-111.

08.11.
Sarah Grandke (Hamburg): Moving memories – Memories on the move? Erinnerungsinitiativen von christlichen Displaced Persons in Flossenbürg 1946/47.

15.11.
Textdiskussion: Alf Lüdtke – Herrschaft als soziale Praxis. Historische und sozial-anthropologische Studien, Göttingen 1991, S. 9-51.

29.11.
Jörg Baberowski (Berlin): Der sterbliche Gott. Staat und Revolution in Russland.

06.12.
Boris Belge (Basel): Managing Trade: Infrastructure and Economic Practices in the Port of Odessa (1794–1905).

13.12.
Dittmar Dahlmann (Bonn): Zur falschen Zeit am falschen Ort. Ein Augsburger Juwelier und seine Aufzeichnungen über die „Zeit der Wirren“ (1598-1613).

Frühjahrstrimester 2022

12.4., 19.04. und 26.04.2022
Masterkolloquium

3.5.2022
Buchvorstellung bei Boysen + Mauke, Hamburg Ivo Mijnssen Russia’s Hero Cities. From Postwar Ruins to Soviet Heroarchy

9.5.2022
Antrittsvorlesung
Jörn Happel (HSU Hamburg) Wo liegt Britsch-Mulla?
Lebenswelten im östlichen Europa und die Grammatik eines Ortes

10.5.2022
Symposium zu Ehren Rudolf Marks: Symon Petljura und seine Zeit

17.5.2022
Klaus Gestwa (Universität Tübingen) Putins Angriffskrieg in der Ukraine. Zeithistorische Hintergründe und politische Folgen

24.5.2022
Katharina Kucher (IOS Regensburg) Kindheit als Privileg. Bildungsideale und Erziehungspraktiken in Russland (1750-1920)

31.5.2022
Zaur Gasimov (Universität Bonn) Zwischen Budapest, Kasan und Istanbul: Ungarische und sowjetische Spezialisten in der Türkei

7.6.2022
Maren Röger (GWZO Leipzig) Kriegsbeziehungen: Intimität, Gewalt und Prostitution im besetzten Polen 1939 bis 1945

14.6.2022
Michael Hagemeister (Universität Bochum) Die „Protokolle der Weisen von Zion“ und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung

21.6.2022
Margarita Pavlova (Universität Gießen) Political in Form, Cultural in Content? Civic Activism and Historic Preservation in Leningrad during Perestroika

HSU

Letzte Änderung: 23. April 2026