Hajo Raupach

Forschung
Aktuelle Forschungsprojekte
Postdoc-Projekt: Dimitrij Mendeleev, Viktor Ragozin und die kaukasische Pipelinefrage 1863-1905
Text folgt in Kürze
Artikelprojekt: Verschlissene Neubauten. Der Mikrorajon Chertanovo Severnoe als Chruščëvka für das Jahr 2000
Spätestens nach den Tauwetterjahren und dem immer weiter steigenden Konsumniveau trat die Sowjetunion in das Zeitalter des Massenkonsums ein. Daraus ergaben sich spezifische Probleme für die Moral der Bevölkerung. Einerseits versprach man materielle Zugewinne und immer weitere Konsummöglichkeiten, andererseits wollte man aber die private wirtschaftliche Initiative möglichst gering halten, um den direkten machtpolitischen Zugriff auf die Bevölkerung nicht zu verlieren. Man versuchte diesen Widerspruch aufzulösen, indem man die neuen Konsummöglichkeiten nach Möglichkeit in ein ideologisches Gewand hüllte. An dem Gelingen dieses Vorhabens hing nicht weniger als die Zukunft des sowjetischen Regimes. Der Wohnungsbau stellte den Bereich dar, in dem man am ehesten die gesteigerten Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllen konnte und welchem gleichzeitig durch die prägende Wirkung des Alltags besonders für die Beeinflussung der Bevölkerung Bedeutung zukam. Im Generalplan von 1971 wurden die Weichen für eine Wiederauflage der großen Wohnungsbauprogramme der 1950er und 1960er Jahre. In dem neuen Wohnrajon Chertanovo Severnoe wurde zudem ein Musterwohngebiet errichtet, das zum Leitstern der neuen Art des Lebens werden sollte. Der Artikel zeichnet den Prozess der Entstehung dieses neuen Wohnungsbauprogramms, insbesondere aber ihrer materiellen Repräsentation in Moskau, nach.
Editionsprojekt: Der Heilige unter den Bibliographen – Das vergessene Vermächtnis Fritz Theodor Epsteins
Fritz Theodor Epstein (1898–1979) war Osteuropahistoriker, Professor an verschiedenen deutschen und amerikanischen Universitäten, außenpolitischer Analyst und ein früher Experte internationaler Beziehungen. Heute weitgehend vergessen, ist sein Leben doch in vielerlei Hinsicht paradigmatisch: als jüdischstämmiger Wissenschaftler, an dessen Biographie sich die Schicksale im „Zeitalter der Extreme“ ablesen lassen, als Denker einer globalen Ordnung, der schon in den frühen 1930er Jahren um eine Einbindung des neuen sowjetischen Staatengefüges in die Weltgemeinschaft warb, als Vertreter einer Globalgeschichte avant la lettre, der historische Phänomene nie isoliert, sondern immer in ihren transnationalen Bezügen erklärte. Schließlich, auch das ist typisch für das 20. Jahrhundert, ist Epstein ein Vertreter jener Biographien, denen Unrecht widerfuhr. Nicht nur bedeutete die Machtergreifung der Nationalsozialisten für ihn und seine Familie den Beginn einer mehrjährigen Zeit der Flucht und ökonomischen Unsicherheit. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelang es dem Emigranten nicht, erneut in seinem Heimatland Deutschland Fuß zu fassen. Seine 1932 abgeschlossene Habilitationsschrift wurde nie gedruckt, und obwohl er mit entscheidenden Veröffentlichungen zur Geschichte der außenpolitischen Beziehungen auch über die Grenzen der osteuropäischen Geschichte hinaus bekannt wurde, gelang es Epstein bis zu seiner Pensionierung nie, sich eine feste Stelle an einer deutschen Universität zu sichern. Das Projekt strebt die Veröffentlichung und Edition von Epsteins Habilitationsschrift in Zusammenarbeit mit der Hoover Institution Library an.
Beendete Forschungsprojekte
Promotionsprojekt: „Der Neid der Anderen. Experimentelle Reformen der sowjetischen Planwirtschaft (1958-1991)“
Veröffentlichung ausstehend
In meiner Dissertation analysiere ich verschiedene experimentelle Versuche, die sowjetische Planwirtschaft von unten zu reformieren. Das sowjetische System der Wirtschaftslenkung gilt, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Zerfalls der Sowjetunion 1991, als wachstumshemmend und ineffizient. Verschiedene Versuche wechselnder sowjetischer Regierungen scheiterten daran, dieses System, das unter dem Diktator Stalin eingeführt wurde, zu reformieren. Während diese zentralen Reformversuche von der historischen Forschung bereits breit untersucht wurden, legt meine Arbeit den Fokus auf lokale Initiativen, denen es gelang, im System der Planwirtschaft eine hohe Arbeitsproduktivität und Effizienz zu erreichen. Dabei arbeite ich anhand von drei Fallbeispielen in der Russischen, Georgischen und Kasachischen Sowjetrepublik heraus, wie es überhaupt zur Durchführung der Experimente kam und wie es gelang, die Effizienzprobleme der Planwirtschaft zu beheben.
Einen besonderen Fokus lege ich in meiner Arbeit auf die Frage, wie Innovationen in der kollektivistisch geprägten Gesellschaft der Sowjetunion entstanden und welche Hindernisse sich bei der praktischen Umsetzung dieser Innovationen ergaben. Dabei kann ich anhand der Fallbeispiele aufzeigen, dass jeder Innovator in der Sowjetunion mit dem Problem des Neides konfrontiert war. Neid führt im wirtschaftlichen Kontext zu Sabotage, die wiederum den Preis für innovatives Verhalten für die Innovatoren in die Höhe treibt. Aus diesem Dilemma fanden die Initiatoren der Wirtschaftsexperimente unterschiedliche Auswege. Insbesondere mussten Wege gefunden werden, wie möglichst viele an den Erfolgen der Innovationen partizipieren konnten, um Gefühle des Neides und die mit ihnen einhergehenden negativen Begleiterscheinungen zu vermeiden. Wenn es den Initiatoren der Experimente gelang, ein Netzwerk der Gefälligkeiten (blat) um die Innovationen aufzubauen, hatten sie Erfolg. Die mikrogeschichtliche Studie zeigt somit auf, dass es auch in der autoritär geführten Sowjetunion mit ihrer schwerfälligen Planwirtschaft möglich war, erfolgreiche Reformen von unten durchzuführen.
Forschungsschwerpunkte
- Wissenschaftsgeschichte der Sowjetunion
- Wirtschaftsgeschichte
- Architekturgeschichte
- Geschichte der Kybernetik
- Formen der Apokalypse
Letzte Änderung: 8. Juni 2026