„Suchet der Stadt Bestes!“ (Jer 29,7) – Wie zivilgesellschaftliche und persönliche Souveränität in der onlife-Welt verteidigt werden können

Die digitale Transformation der Gesellschaft ist tiefgreifend und umfasst nahezu alle Lebensbereiche. Sie betrifft die Struktur der Gesellschaft (bspw. die Organisation der Arbeit) wie ihre Selbstbeschreibung (bspw. das Verständnis von Demokratie und Öffentlichkeit). Sie bietet enorme Chancen (im Bereich der Mobilität, der Steuerung der Energieversorgung, bei der Weiterentwicklung der Medizin und des Gesundheitssektors), aber auch erhebliche Risiken (durch Monopolisierungstendenzen und Innovationshemmnisse der Plattformökonomie, durch ubiquitäre und pervasive Überwachung, durch neue vollautomatisierte Waffen oder die noch nicht absehbare Transformation des Sozialen in den sog. social media). Wegen dieser umfassenden Veränderungsdynamik wird die Digitalisierung der Gesellschaft zu Recht mit anderen strukturellen und semantischen Einschnitten der Menschheitsgeschichte wie der Erfindung des Buchdrucks, dem Wandel zum Kopernikanischen Weltbild, der industriellen Revolution oder der Verinnerlichung des evolutionären Weltbildes verglichen.

Disruptive Transformationsdynamiken lassen Menschen selten kalt, sondern führen zu individuellem und kollektivem Unwohlsein („Ich kenne mich nicht mehr aus!“) und Verunsicherung – Stimmungslagen, die meist nicht bloß passiv erduldet werden, sondern Wut, Protest und damit oft gesellschaftliche, politische und ökonomische Unruhe nach sich ziehen resp. bereits vorhandene Spannungslagen verstärken. Um deshalb der digitalen Transformation verantwortlich begegnen zu können, muss eine Governance-orientierte Ethik der Digitalisierung mit einer nüchternen Beschreibung der Sachlage beginnen, dann die leitenden und zugleich selbst herausgeforderten Handlungs- und Entscheidungskriterien diskutieren, um von dort zur Identifikation des einer pluralen und komplexen Gesellschaft angemessenen Handlungskorridors vorzustoßen. Im Sinne der – vom Deutschen Ethikrat bei der Beschreibung des eigenen Auftrags identifizierten – Trias „Pluralität achten, Nachdenklichkeit erzeugen, Orientierung anbieten“ verstehen sich die im Vortrag präsentierten ethischen, Governance-bezogenen, auf Kompetenz- und vor allem auf Bildungsanstrengungen setzenden Überlegungen zur digitalen Transformation:

Die gegenwärtige Digitalisierung zeichnet sich technisch durch umfassende, sensorbasierte, allgegenwärtige und alles durchdringende Datenerfassung, -sammlung, -speicherung, -weiterverwendung und -weitergabe aus. Ermöglicht wird diese multiple Datenverwendung durch eine Raum- und Zeiterfahrungen nahezu aufhebende Vernetzung. Mit den algorithmisch basierten Techniken von Big Data, maschinellem Lernen und deep learning können aus zahllosen Daten Informationen generiert, de- und rekontextualisiert, auf Muster durchsucht und daraus Prognosen für zukünftige Handlungen oder Entwicklungen abgeleitet werden.

Im Vortrag vertrete ich die These und versuche sie explorativ zu plausibilisieren, dass im Kontext der digitalen Transformation die Grundlagen selbstbestimmter Lebensführung, aber auch unseres zivilgesellschaftlichen Zusammenlebens einschließlich ihrer rechtsstaatlich-demokratischen Figuration ihre lange Zeit intuitive Plausibilität einbüßen. Mit dieser These verfolge ich eine doppelte Intention: Zum einen möchte ich dafür sensibilisieren, dass die Digitalisierung in sich das Potential trägt, die reale Ausübung von Freiheit und Selbstbestimmung so einzuengen, dass sich ernsthaft die Frage stellt, ob „der“ Mensch oder jedenfalls noch viele hinreichend freiverantwortlich handeln und entscheiden können. Zum anderen, und das ist mindestens genauso beunruhigend, scheint mir, dass dieser mögliche Prozess gesellschaftlich selbst auf leisen Sohlen daherkommt und sich in kleinen Schritten vollzieht, deren Wirkung sich möglicherweise erst zeigt, wenn es zu spät sein könnte.

Um die These mit ihren zwei Subthesen zu validieren, werde ich drei Entwicklungstendenzen der Digitalisierung skizzieren, die sich wechselseitig verstärken und eine solche Gefährdung der je individuellen selbstbestimmten Lebensführung wie des zivilgesellschaftlichen Zusammenlebens und ihrer Grundlagen bewirken können: eine ökonomische, eine zivilgesellschaftliche und eine auf die Selbstbestimmung zielende Entwicklungstendenz. Angesichts dieser Entwicklungstendenzen plädiere ich – in Anlehnung an eine Formulierung von Terry Eagleton („Hoffnungsvoll, aber nicht optimistisch“) – nicht für Optimismus im Umgang mit Big Data, maschinellem Lernen und deep learning, aber dafür, die Hoffnung auf eine verantwortliche Gestaltung der digitalen Transformation nicht aufzugeben. Zu diesem Zwecke muss der Ernst der Lage nüchtern wahrgenommen und in einer konzertierten Aktion, die alle Kräfte der Gesellschaft einschließt, die Selbstbestimmung des Einzelnen wie die Kultivierung der regulativen Idee der Öffentlichkeit unter den Bedingungen der „onlife“-Gesellschaft verteidigt oder sogar – wo nötig – rückerobert werden.

Deshalb plädiere ich – mit der Ende 2017 veröffentlichten Stellungnahme des Deutschen Ethikrats „Big Data und Gesundheit“ – dafür, das hinter dem traditionellen Datenschutz stehende Recht auf informationelle Selbstbestimmung für das Big-Data und Maschinelle-Lernen-Zeitalter wetterfest zu machen. Das kann geschehen, indem von einer traditionellen Input-Orientierung des Datenschutzes (Einwilligung, Datensparsamkeit, Zweckbindung) auf einen stärker auf Output-Orientierung setzenden Ansatz im Umgang mit Daten umgeschaltet wird. Dieser viele Dimensionen und Akteure integrierende Ansatz wird – mit dem Ethikrat – als Datensouveränität bezeichnet. Auf der technischen Ebene weise ich dabei auf die Möglichkeit hin, Datensouveränität bspw. mittels Datenschnittstellen, Datenagenten und Datentreuhändern effektiv zu verteidigen. Datensouveränität als Ausdruck von „informationeller Freiheitsgestaltung“ und damit in der Fluchtlinie der Menschenwürde kann unter den Bedingungen von Big Data und maschinellem Lernen nach dem Ethikrat nur dann gewährleistet und geschützt werden, wenn Potentiale erschlossen, individuelle Freiheit und Privatheit gesichert, Gerechtigkeit und Solidarität gestärkt und Verantwortung und Vertrauen gefördert wird. Dazu sind nicht nur technische und rechtliche Voraussetzungen zu schaffen. Vielmehr muss eine Kultur wach gehalten und begünstigt werden, in der 1.) wirtschaftlicher Wettbewerb aufrecht erhalten bleibt, 2.) die Grundidee einer zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit jenseits von Filterblasen und Echokammern gewürdigt und ermöglicht wird und 3.) das Außerordentliche, das Abweichende, das Verletzliche als zentrale Momente von Individualität geschützt und gesellschaftlich hoch gehalten werden und „wir“ uns nicht einschläfern lassen in Normalitätsvorstellungen, die uns große Internetplattformen aufzwingen. Nur mit solcher Differenzsensibilität und darauf aufruhender Ambiguitätstoleranz werden wir datensouverän bleiben, und werden die Grundlagen unseres Zusammenlebens nicht zerrieben. Um im Big-Data und Maschinelles-Lernen-Zeitalter gut zu überleben, bedarf es deshalb nicht nur der Ausbildung in Kompetenzen wie Programmieren, Medienkunde (Mediennutzungs- und Medienreflexionskompetenz) oder Sozialpsychologie und Ethik (so der Vorschlag von Bernhard Pörksen), sondern müssen allgemeine Bildung und Urteilskraft mehr denn je gefördert werden: Je komplexer die Lebenswelt wird, umso wichtiger werden grundlegende Responsivitäts-, Resilienz- und Orientierungspotentiale. Dazu helfen – synekdochisch formuliert – die Bibel, der Faust, Mathematik, ein bis zwei Fremdsprachen – und Musik und Sport, kurzum: artes liberales reinvented. Der Theologe darf zum Schluss daran erinnern, dass auch die religionskulturelle Tradition und Gegenwart des Christentums bedeutsame und bewährte Sinn- und Deutungsressourcen besitzt, vor deren Hintergrund sich öffentliche Kirche, öffentliche Theologie, öffentlicher Protestantismus und öffentlicher Katholizismus zur Stärkung der Urteilskraft in Zeiten der digitalen Transformation vielfach einbringen können: 1. durch das Bereitstellen einer Plattform, die nicht auf Ökonomie setzt, sondern darauf, die geglaubte universale Botschaft des Heils lokal und global zu bezeugen, 2. als Stakeholder in Diskursen, die ihre Prägetradition und -kraft nicht als Besserbehandlungs-, sondern als Verantwortungsprärogative begreifen, 3. als Unterstützer derjenigen, die in den fragmentierten Öffentlichkeiten gegen Tribalismen aller Art Solidarität benötigen, 4. mit ihrem semantischen Potential, das der Granularisierung der Grundlagen unseres Zusammenlebens entgegensteht: Verletzlichkeit wahrzunehmen, Freiheit zu stärken, Pluralität zu würdigen, Inklusion zu befördern und „der Stadt Bestes zu suchen!“ (Jer 29,7)

HSU

Letzte Änderung: 13. August 2018