Lebensbegleitendes Lernen – (k)eine neue Ausbildungskultur?

Der tiefgreifende Strukturwandel zur Wissensgesellschaft macht alle Bevölkerungsgruppen betroffen, jung wie alt. Die Entwicklungstrends des demographischen Wandels, ihre Folgen und notwendige Handlungskonzepte stehen im Mittelpunkt der  bildungspolitischen Diskussion. Von Erwachsenen wird erwartet, dass sie sich ständig fortbilden und innovativ bleiben. Lebenslanges Lernen ist aber mehr als eine Idee oder ein Konzept, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Erfordernis und Voraussetzung für die Teilhabe am sozialen Leben und für den Erfolg im Beruf.

Aber hat sich damit in den vergangenen Jahren eine neue Ausbildungskultur entwickelt?

Bereits in der Antike hatten sich viele große Denker mit der Notwendigkeit beschäftigt, dass der Mensch sich sein ganzes Leben lang ständig lernend weiterentwickeln und eine geistige Aktivität „leben“ muss. Auch pädagogische Denker im 17. und 18. Jahrhundert sahen Bildung und Lernen als wesentlichen Bestandteil des Lebens. Eigentlich erstaunlich, dass die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens im Grunde immer schon bekannt war und dennoch konkrete Konzepte erst ab den siebziger Jahren ausformuliert und erstmals gesellschafts- und bildungspolitisch diskutiert wurden.

Die Forderung nach lebensbegleitendem Lernen ergibt sich zudem als notwendige Konsequenz der sich europaweit in Arbeitswelt und Gesellschaft wandelnden Strukturen. Die Bologna Reform macht deutlich, wie Bildungsfragen in der EU zu europäischen Fragen werden können. Das Jahr 1996 wurde gar zum „europäischen Jahr des lebensbegleitenden Lernens“. Es galt, die Debatte darüber anzuregen, wie die Bildungssysteme neue Lernbedürfnisse befriedigen können. Einige Jahre später eröffnete das Memorandum zum lebenslangen Lernen – im Kontext der europäischen Bildungszusammenarbeit – eine weitere europaweite Diskussion. Inzwischen ist lebenslange, allgemeine und berufliche Bildung längst zu einem dauerhaften zentralen politischen Thema in Europa geworden, um im globalen Maßstab wettbewerbsfähig zu sein und um die kommenden Wachstums-Herausforderungen zu meistern.

Heute sehen wir, dass die Thematik „lebenslängliches Lernen“ noch immer – oder gerade erneut – im Mittelpunkt der Bildungspolitik steht, allerdings mit neuen Akzentuierungen (z.B. Digitalisierung), Chancen und Herausforderungen.

Lebenslanges Lernen ist nicht nur die Antwort auf den Veränderungsdruck, sondern kann auch die treibende Kraft von persönlichen wie beruflichen Veränderungen sein. Es geht dabei sowohl um die Stärkung von Eigenverantwortung und Selbstorganisation der Lernenden als auch um innovative Angebote und Vermittlungsformen. Es impliziert eine mehr oder weniger ausgeprägte Kontinuität des Lernens der Einzelnen von der Kindheit bis zum Alter und umfasst die gesamte Bandbreite möglicher neuer Lernformen. Neben dem formellen Lernen hat das informelle, selbstgesteuerte Lernen in alltäglichen Arbeits- und Lebenssituationen und der beruflichen Erfahrung eine erhebliche Bedeutungssteigerung erfahren. Es gilt, den Blick zu öffnen für das Zusammenwirken von formalisierter Aus- und Weiterbildung, informellem Lernen, Erfahrungslernen und dem Erwerb von Kompetenzen.

HSU

Letzte Änderung: 3. Juli 2018