Interview mit Christoph Reifferscheid, Präsident des Bildungszentrums der Bundeswehr

Präsident Reifferscheid

Präsident reifferscheid

 

 

Anlässlich des ursprünglich geplanten Eröffnungstermins führte Fahnenjunker Pascal Kratz, Praktikant im Zentrum für technologiegestützte Bildung, ein Interview mit Herrn Christoph Reifferscheid, Präsident des Bildungszentrums der Bundeswehr .

 

Pascal Kratz: Als Mitglied des Arbeitsdreiecks, bestehend aus Vertretern des Kommando Streitkräftebasis, dem Bildungszentrum der Bundeswehr (BiZBw) und der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr Hamburg war auch Ihr BiZBw maßgeblich an der Themenauswahl 2020 beteiligt.
Welche Erwartungen haben Sie an das Thema „Digitale (Aus)Bildung: Wird Intelligenz tatsächlich künstlich?“, das wir in das kommende Jahr 2021 „mitnehmen“ möchten?

Präsident Reifferscheid: Die Digitalisierung schreitet in allen Lebensbereichen voran. Durch die Corona-Krise hat die digitale (Aus)Bildung auch bei uns am BiZBw einen regelrechten Boom erlebt. Mich interessiert, wie hier sinnvoll eine Brücke zwischen Technologie und Bildung geschlagen werden kann.
Kann künstliche Intelligenz in der digitalen Bildung bereits sinnvoll eingesetzt werden, um das flexible und individuelle Lernen zu unterstützen?
Wir bilden am BiZBw den technischen Beamtennachwuchs aus und stellen fest, dass die Heterogenität zunimmt und die Herausforderung zunehmend darin besteht, alle Lernenden mit den unterschiedlichsten Begabungen, persönlichen Voraussetzungen und individuellen Rahmenbedingungen gleichsam unter einen Hut zu bringen und zur erfolgreichen Laufbahnprüfung zu führen.

Ich gebe Ihnen zwei Beispiele:
Wenn durch das Sammeln und computergestützte Auswerten von Lerndaten Defizite so frühzeitig erkannt werden könnten, dass Lernende daraufhin gezielter unterstützt werden und der Lehr- und Lernerfolg insgesamt verbessert würde, wäre das sehr positiv.
Oder wenn bei der Entwicklung und Erprobung digitaler Lehr- und Lernmethoden die Lernenden – sowohl die Lernschwachen als auch die Begabten – im Vordergrund stehen und die KI ein personalisiertes Lernen, das auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist, eine individualisierte und den jeweiligen Fähigkeiten entsprechende Lernerfahrung ermöglicht, ergeben sich auch für uns ganz neue Chancen. Ich denke hier auch an Menschen mit Beeinträchtigungen, wenn digitale Lernsysteme inklusiv designt und KI-Anwendungen für schwerbehinderte Menschen zur beruflichen Teilhabe genutzt werden könnten.

 

Pascal Kratz: Welche Erfahrungen haben Sie im BiZBw in den letzten Monaten mit dem digitalen Lehren, Lernen und Arbeiten gemacht? Gibt es Erkenntnisse, die Sie gern auch jenseits der Pandemie umsetzen möchten?

Präsident Reifferscheid: Wir waren für den 100 %igen digitalen Fernunterricht nicht optimal vorbereitet. Eine Lerninfrastruktur mit geeignetem Lernmanagementsystem für private IT, digitale Lernformate und -methoden waren nur rudimentär vorhanden.
Strukturell war bislang nicht vorgesehen, alle Lehrgangsteilnehmerinnen und –teilnehmer mit dienstlicher IT auszustatten. Zudem war das pädagogische Konzept aus verschiedenen Gründen zuvor maßgeblich auf Präsenzunterricht ausgerichtet und die Nutzung einer digitalen Lerninfrastruktur setzt sowohl bei den Lehrenden als auch bei den Lernenden Kompetenzen voraus, die nicht systemimmanent waren und erst geschult werden müssen.

Da wir mit zahlreichen Gastdozentinnen und -dozenten aus den gesamten Fachbereichen der Bundeswehr zusammenarbeiten, die ihre Lehrtätigkeit im Nebenamt wahrnehmen, steht die Fachexpertise, nicht unbedingt die digitale Methodenkompetenz im Vordergrund. Also haben wir improvisiert und auf unterschiedliche Systemlösungen (ILIAS, BundeswehrCommunity etc.) gesetzt, eingestufte Inhalte weggelassen oder parallel zum Onlineunterricht per Post versandt.

Im Zuge dieser Herausforderung wurde unser Blick geschärft und wir konnten eine mehrschichtige Perspektive gewinnen – dies hat schon nach wenigen Monaten zu einer deutlichen Fähigkeitsentwicklung am BiZBw geführt. Die Pandemie hat uns gezeigt: Die Teilhabe am Arbeits- und Bildungsprozess ist mehr denn je von persönlichen, technischen und häuslichen Rahmenbedingungen abhängig.

 

 

Pascal Kratz: Im Kongresskatalog 2019, der das Thema des (Aus)Bildungskongresses der Bundeswehr 2019 „Im Einsatz für die Gesellschaft – (Aus)Bildung für die Einsatzkräfte der Zukunft“ behandelt, haben Sie in Ihrem Beitrag „Zur Sache“ geschrieben, dass es der „Dienst der Zukunft“ erfordert, das Lernen zunehmend in die eigene Verantwortung des Lernenden zu übergeben. Was bedeutet das konkret auf für das Lehren und Lernen am BiZBw und wo sehen Sie durch die aktuellen digitalen Entwicklungen weitere Potenziale und Grenzen?

Präsident Reifferscheid: Die Digitalisierung ist der Enabler zum individuellen, eigenverantwortlichen Lernen, denn losgelöst von den klassischen zeitlichen und räumlichen Modellen im Lehrgang mit Präsenzunterricht können Lernende ihren Lernalltag nun selbst gestalten. Ein großer Vorteil der digitalen Lehrangebote ist: Jeder kann individuell entscheiden, was er oder sie wie schnell lernen möchte und kann – und das komplett zeit- und ortsunabhängig. Ein entscheidender Nachteil ist jedoch: Es fehlt ein Lehrer oder Coach, ein persönlicher Ansprechpartner, der bei Fragen und Schwierigkeiten unterstützt.

In flexiblen Lernräumen müssen die Lernenden selbstständig arbeiten. Mit der Digitalisierung zeichnet sich eine zunehmende Rollenverschiebung zwischen Lehrenden und Lernenden ab: Angesichts der Vielzahl an Informationen, die durch das Internet jederzeit abrufbar sind, verändert sich die Rolle der Lehrenden als Wissensträgerinnen und -träger. Nicht mehr allein unsere Dozentinnen und Dozenten verfügen über relevantes Wissen, unsere Lehrgangsteilnehmenden sind ebenso Expertinnen und Experten, sei es im Umgang mit digitalen Technologien oder als Wissensträgerinnen und -träger in Themenbereichen, in denen sie Know-how gesammelt haben. Diese Rollenverschiebungen führen zu Interaktionen zwischen Lehrenden und Lernenden, die mehr auf Augenhöhe als in frontalen Lehr-Lern-Situationen stattfinden.

Hier liegen natürlich auch die Grenzen: Lernende brauchen angesichts der dynamischeren und unvorhersehbareren Arbeits- und Lebenswelt neue Kompetenzen. Klar sind IT-Kenntnisse, Medienkompetenz und Know-how zu digitalen Tools und Techniken wichtig. Darüber hinaus geht es aber auch um Eigenverantwortung, Anstrengungsbereitschaft, Eigeninitiative, Selbstbewusstsein und mit Herausforderungen umgehen zu können, insgesamt um eine neue Haltung zum Lernen, um unser Bildungssystem fit für die Zukunft zu machen. Verantwortungsbewusstsein, kreatives Denken, der Wille, Neues zu schaffen: Alle Lernenden müssen zu eigenständigem Handeln, Mut und Neugier ermutigt werden, damit sie lösungsorientiert agieren und Verantwortung für sich übernehmen.

 

Pascal Kratz: Zum Schluss würden uns noch Ihre persönlichen Einschätzungen zu den Themen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Ausbildung der Zukunft interessieren? Welche Chancen und Risiken sehen Sie für eine zunehmende Digitalisierung der Bildungswelt?

Präsident Reifferscheid: Chancen sehe ich dabei vor allem in einem zeitlich und örtlich flexiblen, individuell verfügbaren Zugang zu Lerninhalten und Informationen sowie der größeren Partizipation diverser Zielgruppen. Damit alle Lernenden diese Chance auch wahrnehmen können, stellt insbesondere Medienkompetenz im Rahmen einer digitalen Grundbefähigung auf individueller Ebene die entscheidende Voraussetzung dar.
Die Potenziale digitaler Medien müssen für die persönliche Lebensgestaltung, den Arbeitsalltag, besonders aber auch zur gesellschaftlichen Partizipation und Mitbestimmung genutzt werden können. Dies gilt ebenso für die Lehrenden, die neben methodisch-didaktischen Kompetenzen und ihrem Fachwissen auch die entsprechenden technischen Fähigkeiten brauchen, also selbst „medienkompetent“ sein müssen.

Die (Bildungs-)Angebote müssen dann auf das Individuum zugeschnitten werden, so dass eventuelle Ungleichheiten vermieden werden können. Ich sehe die zunehmende Digitalisierung der Bildungswelt somit als Chance, alle Mitarbeitenden dort abzuholen, wo sie stehen. Im Rahmen der individuellen Bildung und Weiterentwicklung und einer neuen Gestaltung von Arbeitsprozessen kann die Digitalisierung somit enorme Vorteile bringen und andere Perspektiven eröffnen.

Darin liegt aber zugleich auch die Grenze, denn wenn individuelle Rahmenbedingungen, zu denen auch eine hohe Ausstattungsdichte, eine verlässliche technische Funktionsfähigkeit und die Verfügbarkeit qualitativ hochwertiger Software gehören, ungleich verteilt sind, ist eine Teilhabe an solchen Angeboten nicht für alle im selben Maß möglich. Diesem Risiko muss von Beginn an begegnet werden.

 

Pascal Kratz: Wie könnte eine „Ausbildung der Zukunft“ aus Ihrer Sicht aussehen und wie wird sich das BiZBw darauf einstellen?

Präsident Reifferscheid: Gesellschaftliche Trends müssen zukunftsgerichtet in die Bildung überführt und das Personal muss passgenau in der individuellen Lebenssituation abgeholt werden. Lernformate und -methoden müssen mehrgleisig entwickelt werden und Hybrid-Lösungen sollen zukünftig ganze Studiensemester, Laufbahnausbildungen und Fachfortbildungen ermöglichen. Das Wissen wird digital hinterlegt, damit die Lehrenden im Präsenzunterricht nicht mehr alleinige Wissensvermittler sind.

Außerdem benötigen wir eine engere Verzahnung mit den Bildungsakteuren der Bw und eine übergreifende aktive Projekteinbindung zur Technologiegestützten Ausbildung aller Bildungseinrichtungen. Und, ganz wichtig: Der Kompetenzaufbau der Bildungsakteure wird mit dem Ausbau der IT-Infrastruktur synchronisiert, denn eine moderne Technik allein garantiert noch keinen qualitativ hochwertigen Fernunterricht! Die didaktisch-methodische Ausbildung des Lehrpersonals wird bei uns deshalb konsequent fokussiert und um eine entsprechende Digitalkompetenz erweitert. Mikrofortbildung der Lehrenden wird zur Daueraufgabe am BiZBw.

 

Pascal Kratz: Als Präsident des Bildungszentrums kennen Sie den Ausbildungskongress schon seit vielen Jahren. Mit der (teil)virtuellen Erweiterung des (Aus)Bildungskongresses werden wir nun womöglich auch neue Kongressteilnehmer*innen gewinnen können. Deshalb würde uns noch interessieren, wie Sie ihnen das Aufgaben-und Tätigkeitsportfolio des BiZBw beschreiben würden?

Präsident Reifferscheid: Kernaufgabe ist die Aus-, Fort- und Weiterbildung des Personals in der Wehrverwaltung, ausgerichtet am bundeswehrgemeinsamen Leit- und Gestaltungsprinzip der Einsatzorientierung. Das BiZBw bildet mit Ausnahme des gehobenen und höheren nichttechnischen Dienstes den gesamten Beamtennachwuchs der Bundeswehr aus. Dazu gehört die konzeptionelle Aus- und Fortbildung im Rüstungsmanagement ebenso wie Lehrgänge im Risiko-, Veränderungs- und Qualitätsmanagement, Vertrags- und Vergaberecht oder Trainings zum Beschaffungsprozess CPM.

Darüber hinaus ist das BiZBw das Zentrum der zivilen Führungskräftequalifizierung. Ein breites Fortbildungsangebot in den Bereichen Recht und Politik, Wirtschaft, Führung und Management, SASPF und Informatik für ziviles und militärisches Personal rundet das Portfolio ab – ebenso wie unsere wehrtechnischen Symposien als Plattform für den Austausch von Bundeswehr, Wissenschaft, Industrie und Praxis.

Im nachgeordneten Bereich des BiZBw bieten die zehn Bundeswehrfachschulen bundesweit ein breites Spektrum an allgemeinbildenden Schulabschlüssen und beruflichen Bildungsangeboten für den Übergang von der militärischen Tätigkeit in das zivile Berufsleben und unsere Auslandsschulen erleichtern den Familien von Bundeswehrangehörigen den Wechsel mit der Familie ins Ausland.

Als Enabler im Digitalen Transformationsprozess nimmt das BiZBw eine zentrale Stellung ein: Mit zielgruppenorientierten, nach Funktionsebene differenzierten Maßnahmen wurde ein ganzheitlicher, durchgängiger Ansatz zur Steigerung der Digitalisierungsfähigkeit entwickelt, von der digitalen Grundbefähigung des zivilen Bestandspersonals und der Nachwuchskräfte in Ausbildung über die Weiterentwicklung der Module in der Führungskräfteentwicklung bis hin zu den Masterclasses für das Spitzenpersonal B6+ „Digital Führen und Arbeiten“.

Damit leisten wir neben den Bildungsakteuren in den Streitkräften unseren Beitrag zu einem widerstandsfähigen, flexiblen und innovativen Bildungssystem der Bundeswehr!

 

HSU

Letzte Änderung: 16. September 2020