Themenschwerpunkt

(Aus)Bildung neu denken.
Auf dem Weg zu einer neuen Ausbildungskultur im Spiegel von beruflicher Identität, künstlicher Intelligenz und Existenzsicherung.

„So gesehen hat die Rede von den neuen Lernkulturen eine provokative, kreative Funktion: Sie soll ein Nachdenken darüber anregen, ob das Gewohnte tatsächlich noch zeitgemäß ist, ob sich das Selbstverständliche tatsächlich von selber versteht, ob ungewöhnliche Lernorte ohne weiteres auch lernintensiv sind …“[1] (Siebert 2003)

Wie Peter Sloane vor nunmehr fast 20 Jahren feststellte,  macht „die Dynamik des ausgehenden 20. Jahrhunderts […] den Wandel zum Regelfall“[2]. Megatrends wie Digitalisierung, Globalisierung und Individualisierung treiben Veränderungen und Komplexitätssteigerungsprozesse ständig voran. Wissensbestände, die früher für ein Arbeitsleben reichten, veralten heute durch den technisch induzierten Fortschritt schon nach wenigen Jahren so grundlegend, dass lebenslanges oder – anders formuliert –lebenslängliches Lernen unabdingbar für Beschäftigung und Lebensbewältigung geworden sind. Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sind diesen Veränderungen mit neuen Konzeptionen und Erwartungen begegnet, die vornehmlich auf eine höhere Eigenverantwortlichkeit von Lernen und Bildung im Allgemeinen und für den Wissenserwerb im Besonderen abstellen.

Gleichzeitig verändert die demografische Entwicklung Stück für Stück die „Machtstrukturen“ auf dem Arbeitsmarkt. Ein aufwachsend regionaler und domänenspezifischer Fachkräftemangel stärkt die Position gut ausgebildeter Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Work-Life-Balance und eine veränderte Rolle des Berufs in den individuellen Zielsystemen wirken sich ebenfalls auf diese Gemengelage aus.

Ausgehend von dieser Analyse stellt sich die Frage, wie Erwartungen, Bedürfnisse, Motivationen und Fähigkeiten der Menschen einerseits und Funktionsanforderungen und Shareholderinteressen auf der Organisationsseite andererseits so miteinander in Einklang gebracht werden können, dass betriebswirtschaftliche Funktionalitäten gesichert und volkswirtschaftlicher Wohlstand gewährleistet werden können. Das Zusammenspiel von Wandlungsprozessen, sich ändernden (Lebens-)Werten, Erosion von Arbeitgebermacht und Organisationsinteressen sowie flankierenden, dauerhaften Lernerfordernissen „erzwingt“ ein intensives Nachdenken über ein neues konstruktives Miteinander in Unternehmen und Organisationen.  Die Idee einer neuen Lern- und Arbeitskultur steht paradigmatisch für diesen Gedanken.

Sieht man Bildung als Ermöglichung von Teilhabe und mündiger Mitgestaltung der Modi von Aus-, Fort- und Weiterbildung im Sinne einer Lernkultur, so scheint in Zukunft aus Perspektive von Organisationen und Unternehmen besonders eine Ermöglichung und Gestaltung einer zeitgemäßen (Aus)Bildungskultur im Vordergrund zu stehen, welche Mitgestaltung und Teilhabe sowohl durch Lehrende, als auch durch Lernende erfordert und integriert.

(Aus)Bildung und Beruf beeinflussen den Prozess der beruflichen Sozialisation des Individuums[3], deshalb ist Lern- und (Aus)Bildungskultur ein zentrales Element dieser beruflichen Identitätsentwicklung. Gleichzeitig ist eine Verbindung von beruflicher und persönlicher Identität maßgeblich für berufliches Engagement und berufliche Zufriedenheit. Die Frage nach der Bedeutung der (Aus)Bildung für berufliche Sozialisation und Identitätsbildung beeinflusst zunehmend auch die konzeptuelle und planerische (Aus)Bildungsarbeit der Bundeswehr. So geht es beispielsweise darum, inwiefern das Selbstverständnis, zeitlebens „Lernende / Lernender“ zu sein, als notwendige Voraussetzung mit dem „Wandel als Regelfall“ (vgl. Sloane 2000) gestaltend Schritt halten zu können, heute und künftig für Individuum und Organisation von existenzieller Bedeutung ist und was hierzu (Aus)Bildung beitragen kann und muss.

Angesichts der rasanten Entwicklungsgeschwindigkeit der Gesellschaft und unter dem Einfluss der Digitalisierung finden Individuen im Beruf „mitunter andere Bedingungen [vor], als die, auf die sie durch die berufliche Sozialisation vorbereitet wurden, was Anpassungsprozesse unterschiedlicher Art erforderlich macht“[4]. Die Berufswelt ändert sich und Künstliche Intelligenz gewinnt in Zukunft an Einfluss auf die Tätigkeiten und Zuständigkeiten innerhalb von Arbeitsprozessen und des Berufslebens. Es stellt sich die Frage: Wird Künstliche Intelligenz den Menschen zukünftig unterstützen können, indem sie Lücken schließt und Tätigkeiten übernimmt, die nicht (mehr) vom Menschen ausgeübt werden? Oder wird der Einsatz von Assistenzsystemen und Robotik eher als Bedrohung beruflicher Identität und damit des beruflichen Engagements von jenen wahrgenommen, deren Tätigkeitsfelder sich hierdurch verändern werden?

Wenn wir einerseits Veränderung und Wandel in allen das Individuum aber auch soziale Systeme betreffenden Lebensbereichen in einer zunehmenden Entwicklungsgeschwindigkeit wahrnehmen, liegt die Frage nach der Möglichkeit von Sicherheit menschlicher Existenz auf der Hand. Aus der Perspektive für innere und äußere Sicherheit tätiger Organisationen – national und international – ergeben sich daraus besondere Herausforderungen: Wer (existenzielle) Sicherheit ermöglichen möchte, muss Veränderungen weltgesellschaftlicher Wirkungszusammenhänge antizipieren können. Das erfordert unter anderem agile (Aus)Bildungsprozesse und -formate in international vernetzten Systemen.

In welcher Form werden sich gefühlte Lebenssicherheit und berufliche Sicherheit wandeln? Wie wird sich das Wechselspiel von beruflicher Identität und beruflichem Engagement verändern? Kann im Zuge der Digitalisierung und Entgrenzung von Arbeit überhaupt noch eine berufliche Identität entwickelt werden? Werden Beruf und „Berufung“ zukünftig noch selbstverständlicher Teil der Identität sein? Werden sie zukünftig eine existenzstiftende Bedeutung haben? Lassen sich nicht Stabilität und Existenz sozialer Systeme im Allgemeinen und der (Aus)Bildungslandschaft im Speziellen zukünftig in Frage stellen? Welche Auswirkungen hat dies auf Individuum und Gesellschaft? Welchen Beitrag können Organisation und Individuum zur Sicherheit von Systemen und Gesellschaft leisten? In welcher Form kann ein (Aus)Bildungssystem gestaltet werden, um auf gesellschaftliche Entwicklungen der Zukunft flexibel reagieren zu können und anpassungsfähig zu sein? Inwieweit wird die Bereitschaft für lebenslanges Lernen im Sinne einer „Selbstdifferenzierung“ für Individuen und Organisationen kritischer Erfolgsfaktor für Existenzsicherung und Mitgestaltung sein? Welche Möglichkeiten und Grenzen bietet Künstliche Intelligenz, wenn es darum geht, das Dilemma zwischen mitunter kaum vereinbaren individuellen Vorstellungen und organisationalen Erfordernissen zu überbrücken oder gar zu kompensieren? Wie wird (Aus)Bildung den Wandel in Gesellschaft, Ökonomie, Politik, Technologie und Ökologie antizipieren und hierauf reagieren? Und schließlich: Inwiefern stehen besonders diejenigen Organisationen, die national wie international für Sicherheit auf individueller wie systemischer Ebene eintreten, vor der Herausforderung, durch eine neue (Aus)Bildungskultur gesellschaftlichen Wandel proaktiv mit zu gestalten?

[1] Siebert, H. (2003):  Vernetztes Lernen.  Systemisch-konstruktivistische Methoden der Bildungsarbeit. München. S. 145.
[2] Sloane, P. F.E. (2000): Veränderungen der Betriebs- und Arbeitsorganisation – Konsequenzen für die betriebliche Bildungsarbeit. In: Dehnbostel, P. / Dybowski, G. (Hrsg.): Lernen, Wissensmanagement und berufliche Bildung. Bielefeld. S. 93 – 109.
[3] vgl. Dietrich, R. (2017): Stressbewältigung und berufliche Identität in der Bankenbranche. Wiesbaden. S. 115.
[4] Faltermaier, T., et al.  (2014).  Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters (3. Aufl.). Stuttgart. Zit. n. Dietrich, R. (2017): Stressbewältigung und berufliche Identität in der Bankenbranche. Wiesbaden. S. 107.