{"id":517,"date":"2017-12-02T11:52:06","date_gmt":"2017-12-02T10:52:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hsu-hh.de\/systpaed\/?page_id=517"},"modified":"2019-06-28T09:57:47","modified_gmt":"2019-06-28T07:57:47","slug":"forschung-bsw","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.hsu-hh.de\/systpaed\/forschung\/forschung-bsw","title":{"rendered":"Bildung und sozialer Wandel: Zur Dynamik zwischen staatlichen Bildungsorganisationen u. sozialen Milieus am Beispiel der t\u00fcrkischen Curriculumsreform (DFG-Projekt)"},"content":{"rendered":"<p>DFG-Projekt. Laufzeit: 1.9.2011-31.8.2013; Leitung: <abbr title=\"Professor\">Prof.<\/abbr> <abbr title=\"Doktor\">Dr.<\/abbr> Arnd-Michael Nohl; Mitarbeiterin: Nazl\u0131 Somel<\/p>\n<p><strong>Zusammenfassung des Projektberichts:<\/strong><\/p>\n<p>Der komplexe Zusammenhang von Bildung und sozialem Wandel l\u00e4sst sich am Beispiel der t\u00fcrkischen Curriculumreform von 2004 rekonstruieren. Hierzu wurden sowohl die Entstehung des neuen, konstruktivistischen Curriculums als auch seine Praktizierung in f\u00fcnf unterschiedlich situierten Primarschulen des Landes unter Ber\u00fccksichtigung des gesellschaftlichen und historischen Kontexts analysiert. Basis der empirischen Analyse war vor allem die dokumentarische Interpretation von Experteninterviews mit Curriculumentwicklern sowie Gruppendiskussionen mit Lehrern, Sch\u00fclern und ihren Eltern.<\/p>\n<p>Es konnte gezeigt werden, dass das neue Curriculums nicht aus einem intentionalen, geplanten Prozess heraus entstanden ist, sondern aus dem Zusammenspiel teils divergenter Dynamiken, die je auf ihre Weise dem sozialen Wandel des Landes geschuldet sind: In einem kurzen Gelegenheitsfenster (Regierungsbildung durch eine neue Partei) wurde der Transfer einer in der Gesellschaft verankerten Unzufriedenheit mit dem alten (behavioristisch gepr\u00e4gten) Curriculum in den Wissenschafts- und Bildungssektor m\u00f6glich. Aufgrund der Ablehnung der neuen Regierung kam es dort nicht zur breiten Diskussion und Kompromissbildung bez\u00fcglich eines neuen curricularen Ansatzes; vielmehr wurde die allgemeine Unzufriedenheit mit dem alten Curriculum von einem kleinen Organisationsmilieu aus bereitwilligen Wissenschaftlern, die bereits gemeinsame curriculare \u00dcberzeugungen teilten, spezifiziert und in die Entwicklung eines neuen Curriculums \u00fcberf\u00fchrt. Im Zuge dieser Transfers \u00fcber unterschiedliche gesellschaftliche Sektoren und Ebenen hinweg entstand somit ein \u201atrans-intentionales\u2018 Ergebnis.<\/p>\n<p>Verfolgt man den Curriculumwechsel weiter bis zum Unterricht in den Einzelschulen des Landes, so treten hier Orientierungen bzgl. schulischer Lehre, wie sie bei Lehrern und Eltern vorherrschen, in den Prozess ein. Zun\u00e4chst ist ein wesentlicher Unterschied zwischen zwei generationell gepr\u00e4gten Organisationsmilieus von Lehrer(inne)n festzustellen: Entgegen unseren Annahmen blieb die Generation jener altgedienter Lehrer\/innen, die im alten Curriculum beruflich sozialisiert waren, letzterem von der Substanz her nicht verhaftet. Gleichwohl behielten sie die Art ihrer curricularen Praktiken bei: Wie schon beim alten Curriculum, das eher einem abstrakten Lehrplan glich, beachteten sie nur die curricularen Ziele und gestalteten den Unterricht gem\u00e4\u00df ihrer eigenen, erfahrungsbasierten Methoden. Im Unterschied hierzu trugen die Junglehrer\/innen auch den im Ministerium ausgearbeiteten Unterrichtspl\u00e4nen Rechnung. Allerdings orientierten sich diese Novizen nicht nur am Curriculum, sondern auch an der, eher informellen Erwartung, dass sie ihre Sch\u00fcler\/innen auf den standardisierten Test, der den \u00dcbergang in ein mehr oder weniger prestigetr\u00e4chtiges Gymnasium reguliert, vorbereiten.<\/p>\n<p>Diese Differenz in den Unterrichtspraktiken wird zum einen dadurch versch\u00e4rft, dass es an der untersuchten Unterschichtsschule nur Novizen, an den urbanen Mittelschichtsschulen aber nur erfahrene Lehrer gibt. Zum anderen treffen die Lehrer an den urbanen Schulen auf die spezifischen Erwartungen der Eltern: In den von Mittelschichten dominierten urbanen Schulen sind die Eltern damit zufrieden, dass die Lehrer gem\u00e4\u00df des Curriculums unterrichten. Dies wird auch dadurch m\u00f6glich, dass sie ihre Kinder zus\u00e4tzlich auf privat finanzierte \u201aPaukschulen\u2018 schicken, in denen jene auf die \u00dcbergangstests vorbereitet werden. Die Eltern der von Unterschichtsmilieus dominierten Schule k\u00f6nnen die Testvorbereitung privat nicht finanzieren und verlangen von den Lehrern, statt des curricularen Unterrichts ihre Kinder auf das L\u00f6sen von Multiple Choice-Aufgaben vorzubereiten.<\/p>\n<p>Im urbanen Kontext sind die \u00dcbergangstests offensichtlich besser institutionalisiert als das neue Curriculum. Der Testerfolg ist sogar ein Kriterium in der informellen Konkurrenz zwischen Lehrern, Schulen und Schulbezirken. Hier geht es um Prestige, das dar\u00fcber entscheidet, welche Schulen f\u00fcr welche Sch\u00fclermilieus attraktiv sind und entsprechend auf deren kulturelle, soziale und \u00f6konomische Ressourcen hoffen k\u00f6nnen. In den beiden l\u00e4ndlichen Schulen des Samples ist hingegen die Bildungskarriere weniger bedeutsam, zudem gibt es kaum Auswahl zwischen Gymnasien, sodass dort die (ohnehin eher gemischten) Lehrergenerationen, unbeeinflusst durch Eltern, ihren Orientierungen gem\u00e4\u00df unterrichten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Zentrale Publikationen:<\/strong><\/p>\n<p>Nohl, Arnd-Michael\/R. Nazl\u0131 Somel (2016): Education and Social Dynamics: A Multilevel Analysis of Curriculum Change in Turkey. [Studies in Curriculum Theory Series]. London\/New York: Routledge<\/p>\n<p>Nohl, Arnd-Michael\/Somel, R. Nazl\u0131 (2015): Establishing a New Knowledge Path: Time, Sequentiality, and Differential Power of Actors in Turkish Primary Education Curriculum Change. Angenommen von: Journal of Educational Change<\/p>\n<p>Somel, R. Nazl\u0131\/Nohl, Arnd-Michael (2015): Social Change, Competition and Inequality: Macro Societal Patterns Reflected in Curriculum Practices of Turkish Schools. In: Comparative Education 51(4), S. 502-518; URL: http:\/\/dx.doi.org\/10.1080\/03050068.2015.1081797<\/p>\n<p>Nohl, Arnd-Michael\/Somel, R. Nazl\u0131 (2015): Practicing a New Curriculum in Turkey: Loose Coupling, Organizational and Social Milieus, and their Practical Capital Formations. In: British Journal of Sociology of Education http:\/\/dx.doi.org\/10.1080\/01425692.2015.1042148<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DFG-Projekt. 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